Es gibt Tage, die sollte man aus dem Kalender streichen können. Gestern war so ein Tag.

Eigentlich war viel Gutes geplant für diesen 5ten August 2010. Maria wollte nach Frankfurt um das indische Visum zu beantragen. Am Abend vorher hatten wir gelesen, dass es als gebürtiger deutscher auch möglich ist das Visum am gleichen Tag zurück zu bekommen, so dass man sich einmal Mainz-Frankfurt und zurück (15 €) sparen könnte. Da man aber zwischen Abgabe und Abholung natürlich warten muss, wollten wir nun auch noch den Globetrotter in Frankfurt testen, nachdem Maria schon in Bonn und in Köln gewesen war. Nun hat Maria schon alles außer passende Schuhe gekauft, so dass es an der Zeit war, dass auch ich mal Geld ausgebe. Ich wollte dafür schon um 13 Uhr Feierabend machen. Soweit der Plan.

Die Realität sah so aus: ich bin früh aufgestanden und habe, noch halb schlafend, meine zwei Brötchen in den Rucksack gepackt und gleich auch noch die Digi-Cam, falls es in Frankfurt was zu fotografieren geben würde. Als ich am Bahnhof ankam, sah ich schon meinen Bus dort stehen und startete einen morgendlichen Sprint. Auf halber Strecke rief mir ein Mann hinterher: „Hallo, sie haben ihr Frühstück verloren.“ Ich drehte mich um sagte Danke, hob ein Brötchen auf und lief wieder meinem Bus hinterher. Ich bekam ihn und schaute gleich im Rucksack nach, ob mein zweites Brötchen noch da war. Aber ich hatte klugerweise den Rucksack mit riesigem Loch genommen und von meinem zweiten Brötchen war weit und breit nichts zu sehen. „Naja, dann muss ich mir halt später eins kaufen.“ Moment, war da nicht noch eine dritte Sache im Rucksack gewesen? „Hm… nee, mir fällt nichts ein. Wird schon passen.“

So kam ich bei der Arbeit an und schaffte etwas. Gegen 11.00 Uhr rief mich ein Vorstandsmitglied der Firma Euroimmun an. Dort hatten wir nach einem Praktikum für Singapur gefragt und hofften sehr darauf, es zu bekommen. Leider wird die Produktionsstätte in Singapur wohl nicht so schnell fertig, wie erwartet, so dass es für uns dort nichts zu tun gäbe. Nun heißt es neue Kontakte knüpfen und es woanders probieren. Erster Schock des Tages.

Als ich um 12.50 Uhr zum Bus wollte, kamen meine Gedanken irgendwie aufs Fotografieren. „Verdammt, da war doch was gewesen.“ In heller Panik räumte ich den löchrigen Rucksack aus und suchte, aber der Fotoapparat war weg. Mein schönes Geburtstagsgeschenk! Zweiter Schock des Tages. Ich konnte es nicht fassen. Wie war es möglich, dass ich Trottel die teure  Digi-Cam in einen Rucksack mit Loch getan hatte und wieso war mir bei dem rausfallenden Brötchen nicht auch der Fotoapparat eingefallen. Jetzt, über 5 Stunden nach meinem Sprint zum Bus war die Chance gleich null, ihn noch zu finden. Und wer würde wohl eine Digital-Kamera ins Fundbüro bringen? Voller ärger rief ich Maria an und beichtete ihr meinen Fehler und sagte auch gleich, dass ich vermutlich später kommen würde und erstmal den Weg ablaufen und zuhause nachschauen wollte. Es gab ja noch eine winzige Möglichkeit ihn zu finden und vielleicht war ich sogar noch dümmer und ich hatte das Ding gar nicht eingepackt. Um es kurz zu machen: Auf dem Weg lag er nicht und auch zuhause war nichts zu finden.

Niedergeschlagen ging ich also zum Zug und machte mich auf den Weg nach Frankfurt. Nach etwas dösen versuchte ich neuen Mut zu fassen. Vielleicht wurde unser Fotoapparat ja doch im Fundbüro abgegeben oder vielleicht war es ja sogar Maria die kurz nach mir aus dem Haus gegangen war, die ihn gefunden hatte und mich nun etwas ärgern wollte. Aber als ich in Frankfurt ankam, war schnell klar, dass Maria genauso bedrückt war wie ich. So blieb nur noch die theoretische Chance, dass einer der armen Neustadt-Bewohner soviel Anstand besaß, einen gefundenen Wertgegenstand nicht zu behalten. Wie gesagt, sehr theoretisch. Um uns wieder aufzumuntern, tranken wir beim Globetrotter einen kostenlosen Kakao und machten uns dann an die Arbeit. Wir probierten G-1000 Hosen und Jacken, Hemden und nochmal Hosen. Grade bei denen wollte keine richtig passen.

Nach 2 Stunden musste Maria wieder zum Konsulat. Ich blieb, schließlich fehlten mir noch wesentlich mehr Sachen als Maria. Nun hofften wir, dass wenigstens das Visum klappen würde. Die Zuständige Dame hatte auf die Frage, ob man den am selben Tag abholen könne nur geantwortet: „Vielleicht, sicher ist es erst am Dienstag.“ Naja, bei unserem Glück… Aber es gab gestern wenigstens eine erfreuliche Sache: wir haben unser drittes Visum. Indisches Visum innerhalb von nur 6 Stunden. Erste erfreuliche Nachricht des Tages.

Als Maria wieder da war, probierten wir noch ein paar Schuhe, fanden aber keine, und schauten uns bei den nützlichen und unnützen Kleinigkeiten um. Wir kauften von beidem etwas. Dann probierten wir nochmal Hosen. Und tatsächlich fanden wir nun beide eine, die passte. Pünktlich um zehn nach acht wechselten 350 € den Besitzer und wir hatten wenigstens das Gefühl, nicht umsonst im Frankfurt gewesen zu sein. Obendrein kauften wir für Marias Schwester Sonia noch eine Bananen-Box. „Vergiss mal die verlorene Kamera, sie wird sich über ein kleines Geschenk freuen.“

Zuhause angekommen suchten wir erstmal noch ob die Kamera nicht doch irgendwo sei, fanden aber nichts. Also sicher verloren! Nun wir packten unsere Sachen aus, gaben Sonia das Geschenk und schauten im Internet, wie teuer die Kamera denn heute ist und ob man sie gebraucht bekommt. Vielleicht hat der Finder sie sogar schon bei e-bay eingestellt!? Auch nichts. Dann wollte ich kurz in die Küche und als ich aus der Zimmertür in den Flur kam, sah ich dort, direkt vor meinen Füßen, in der Mitte des Türrahmens, deutlich sichtbar und wie ein Geschenk hingelegt: Unsere Kamera!

Unglaublich. Freude. „Maria, hast Du dir da hingelegt?“ Maria lacht. „Du blöde Kuh! Wie kannst Du mir sowas antun? Wie kannst Du mich nur so quälen? Ich hasse dich!“ Draußen auf dem Balkon entwirren sich dann die Gefühle etwas. Einerseits die Erleichterung, andererseits die Wut, dass Maria sowas gemacht hat. Das war wirklich übertrieben. Als auch Maria auf den Balkon kommt, lacht sie nicht mehr. Jetzt ist sie sauer auf mich, dass ich sauer auf sie bin. „Ich habe doch nicht den ganzen Tag gewusst, dass die Kamera nicht verloren ist. Glaubst Du ehrlich ich könnte so gut schauspielern?“ Naja, eigentlich ist Maria nicht wirklich so bösartig. Vermutlich wusste sie es nicht. Aber wie konnte der Fotoapparat einfach so plötzlich wieder auftauchen? Sonia? „Sonia!“ Sonia war es natürlich auch nicht. Also lag sie vermutlich auf der Tasche neben der Tür und ist von dort auf den Boden gefallen. Und als wir uns schließlich einfach nur noch freuen sagt Maria mit einem zwinkern: „Vielleicht wusste ich es ja doch die ganze Zeit…“ Und Sonia sagt: „Naja, eigentlich habe ich sie hingelegt. Sie war auf dem Tisch, als ich nach Hause kam.“

Wer war es nun? Oder war ich es doch selber und hatte sie nur nicht eingepackt? Oder vielleicht war es eine höhere Macht? Es gibt Fragen, die werden nie beantwortet werden. Jedenfalls hat unsere Kamera nun eine eigene Geschichte und wir werden auf der Reise sicher gut auf sie acht geben!

Letztlich war es also gar kein so mieser Tag dieser 5te August 2010!

Björn

 

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6 Responses to “Ein mieser Tag”

  1. Maria sagt:

    Ratet mal, welche die häufigste Frage war während der Weltreise? Ja genau: „Hast du die Kamera?“
    Tja vermutlich dank diesem Tag haben wir sie nie verloren (einmal beinahe in Neuseeland. Da habe ich den ganzen Bus warten lassen während ich das ganze Guesthouse durchsucht habe und sie schließlich in der Couch gefunden. Es waren hunderte Fotos drinnen, die wir nicht gespeichert hatten! Also die Kamera lebt noch sie sieht nur aus, wie ein Antiquitätsstück.

  2. klausss sagt:

    hey, das ist ja sagenhaft. ich kann nicht aufhören, eure berichte zu lesen. es macht spaß, mitzureisen und dabei im warmen trockenen zimmer zu sitzen. freue mich schon auf eure weiteren abenteuer. aber paßt auf euch auf !!!

  3. Bjoern sagt:

    Der kleine Franzose… :)
    Und ja, das Brötchen war weg. Ich ärgere mich heute noch! Das war echt ein gutes Brötchen mit Wurst, Käse, Salat und Gurken…

  4. Ulle2000 sagt:

    Und das Brötchen war dann weg? Verdammt, du musst echt besser aufpassen :)

  5. Maria sagt:

    Oh Mann, oh Mann du hast mich ganz schön verrückt gemacht an dem Tag, du Durak 😉
    Also ich hätte beim Globetrotter deutlich mehr ausgegeben, wenn ich gewusst hätte, dass die Kamera doch nicht verloren gegangen ist. Ich denke, sie hat ihre eigene Beine, diese Kamera. Ständig suchen wir die. Jedenfalls gut, dass die Löcher des Rucksacks wirklich RIESIG waren; vermutlich ist sie sofort rausgefallen. Aus diesem Loch wär auch ein Fußball rausgefallen. Oh je, Oh je!

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