Nachdem wir in Russland mit der Transsib sehr gute Erfahrungen gemacht haben und auch in China die Züge meist relativ ordentlich und vor allem leicht zu buchen waren (wenn man den Ort in Chinesischer Schrift vorliegen hatte), waren wir von den indischen Zügen nicht sehr überzeugt.Warten auf den Zug in Varanassi

Aber zunächst etwas zu den Klassen, die man buchen kann. In Zügen, die nur kurze Strecken fahren, gibt es häufig nur Sitzabteile. In diesen findet man drei Klassen: zwei Klassen mit reservierten Plätzen (eine mit Klimaanlage und eine ohne) und eine dritte Klasse ohne reservierte Plätze. Diese dritte Klasse kann extrem voll sein!

Zusätzlich dazu gibt es in den Über-Nacht-Zügen verschieden Schlafwagen. Die drei Klassen von klimatisierten Kabinen (AC1, AC2, AC3) mit 2 oder 4 Betten in einem abgeschlossenen Bett im Zug der Sleeper-ClassAbteil in der ersten Klasse (AC1), 5 oder 6 Betten in der zweiten Klasse (AC2) und 8 Betten in der dritten Klasse (AC3), bieten Bettbezüge und einen gewissen Komfort. Die Toiletten sind allerdings nicht unbedingt sauberer als im Rest vom Zug, da nur der Durchgang von den unreservierten Sitzplätzen zum Rest des Zuges gesperrt ist. Dazu gibt es eine vierte Klasse von Schlafwagen, das Sleeper-Abteil (SL). Der Unterschied zu AC3 besteht hauptsächlich darin, dass es anstelle einer Klimaanlage nur Ventilatoren gibt, dass man keine Bettlaken bekommt und die einzelnen Kabinen nicht durch Vorhänge abgetrennt werden können. Der Sleeper-Wagen ist der beliebteste bei den Indern (weil er wirklich billig ist) und nimmt den größten Teil des Zuges ein. Wir sind über Nacht immer Sleeper gefahren.

Es heißt, dass das indische Eisenbahnnetz, dass die Briten aufgebaut haben, eines der besten der Welt ist. Davon haben wir allerding nicht sehr viel gemerkt.

Die Reisezeiten sind häufig unglaublich unbequem. Ich habe zwar keine Ahnung, wie kompliziert es ist, so etwas zu planen, aber ich bin mir fast sicher dass es normalerweise nicht nötig ist eine über-Nacht-Fahrt zwischen zwei Großstädten um 2 Uhr morgens zu beginnen oder um 4 Uhr morgens zu beenden. Solche Fahrten sind meistens nicht sonderlich erholsam und der folgende Tag ist mehr oder weniger verloren.

Ausgebucht? Einfach zu zweit im Bett schlafen beim Zug fahren in Indien

Wenn's ausgebucht ist schlaeft man halt zu zweit auf einem Bett.

Die Züge in Indien sind die dreckigsten, die ich je gesehen habe und die unhygienischsten, die ich mir vorstellen kann. Die Betten sind zum Teil extrem dreckig. Sie kleben und selbst, wenn man sie ohne Wasser grob abwischt ist das Tuch danach schwarz. Zum Glück hatten wir unser Schlafsack-Inlett, so dass wenigstens unsere Kleidung einigermassen sauber bleiben konnte. Außerdem wird der Zug während langer Fahrten nicht gereinigt. Da es auch keine Mülleimer gibt (es wird alles aus dem Fenster geworfen und entsprechend sehen die Gleise meistens aus) landet eine gehörige Menge Müll und Essensreste auf dem Zug Boden. So kann man glauben, dass wir mehrmals gesehen haben, wie Mäuse auf dem Boden zwischen dem Gepäck umher flitzen. Noch öfter aber haben wir Kakerlaken im Zug gesehen. Manchmal vereinzelt, aber mehrmals auch ganze Nester süßer kleiner Kakerlakenbabys (in Begleitung ihrer größeren Brüder und ihrer Eltern), die bei Einbruch der Dunkelheit kommen, um sich die Überreste von Dosai und Biryani zu holen. Wenn man über Nacht fährt, ist es dabei nicht besonders erfreulich, wenn man schon gesehen hat, wie eine Kakerlake über das Bett eines schlafenden spaziert ist und wenn man Weiß, dass die Indischen Kakerlaken ihre natürliche Scheu vor Licht und Menschen abgelegt haben.

Zu guter Letzt ist es in Indien oft sehr schwierig einen Zug zu reservieren. Zwar gibt es mit cleartrip.com, seat61.com/India.htm und indianrail.gov.in mehrere Möglichkeiten sich die Zugverbindungen rauszusuchen, die Verfügbarkeit zu überprüfen und auch e-Tickets zu kaufen (indianrail.gov.in ist die offizielle Seite mit den meisten Tickets verfügbar, cleartrip.com hingegen ist die übersichtlichste), allerdings hilft einem das nichts, wenn keine Tickets mehr verfügbar sind. Tatsächlich kann man die Tickets dennoch kaufen, landet dann aber auf einer Wartliste und muss hoffen, dass genügend Leute ihre Reservierung annullieren. Ob es gereicht hat erfährt man an dem Tag der Abreise ca. eine Stunde vor Abfahrt. Keine sehr angenehme Art der Reiseplanung. Wir hätten uns meistens auf die Warteliste verlassen müssen. Das Problem ist, dass es – selbst auf Hauptverbindungsrouten – oft nur 5 oder 6 Züge pro Tag gibt. Gleichzeitig gibt es 1,3 Milliarden Inder, die den Zug nutzen, weil er unglaublich billig ist (für eine Strecke von 1000 km zahlt man ca. 10 – 20 Euro  ) und bei den Großen Entfernungen neben dem sehr viel teureren Flugzeug die bequemste Art zu Reisen darstellt. Somit sind die Tickets oft schnell ausgebucht. Das führt dazu, dass man seine Zugtickets möglichst früh buchen muss (der Verkauf beginnt 90 Tage vor dem Reisedatum). Das wiederrum widerspricht sich mit der Art des Reisens, wie wir und die meisten Backpacker es handhaben. Man plant immer nur den nächsten (und eventuell übernächsten Schritt) bleibt an schönen Orten länger als geplant und holt sich von anderen Reisenden Tipps, wo es sich lohnt hinzufahren.

Leider hat man zum Zug recht wenig Alternativen. Es gibt zwar Busse, die mittellange Distanzen (ca. 600 km) zurücklegen, allerdings waren unsere Erfahrungen eher schlecht. In Goa haben wir um von einem Strand zu einem anderen zu kommen viermal den Bus wechseln müssen und für eine Strecke von ca. 90 km 6 Stunden gebraucht. Von Jaipur nach Bundi sind wir mit einem öffentlichen Nachtbus 10 Stunden lang gefahren. Das hieß 10 Stunden lang in einem alten, klapprigen Bus ohne Gepaeckfach und ohne Beinfreiheit auf Dreiersitzen sitzen. Dazu kommt, dass die Inder weit weniger Berührungsängste haben als die Deutschen, so dass der Kopf meines Nachbarn immer wieder auf meiner Schulter landete und auch dort blieb, wenn ich mich bewegt oder mit der Schulter gezuckt habe um ihn loszuwerden. Um das Ganze zu krönen mussten wir mitten in der Nacht umsteigen um letztlich wieder im gleichen Bus zu sitzen wie vorher. Private Busse sollen etwas besser sein und es gibt auch welche mit Schlafkojen, allerdings gibt es auch hier Berichte von anderen Reisenden die, z.B. zwischen Goa und Hampi (10 Stunden Über-Nacht-Bus), mit einem solchen gefahren sind und dabei keine Sekunde geschlafen haben, einfach weil die Straße so schlecht ist und der Bus so gnadenlos schnell fährt, dass man immer wieder weit nach oben geschleudert wird. Leider sind die Kojen zu niedrig um zu sitzen, so dass man die ganze Zeit den Launen der Schlaglöcher ausgeliefert ist. Dass solche Über-Nacht-Fahrten nicht in einem gewonnenen Reisetag resultieren, kann sich wohl jeder vorstellen.

Nun steht man also vor verschiedenen Problemen: Erstens will man seine Reiseroute nicht zu früh festlegen und sich damit die Freiheit nehmen, die man zum Reisen in Indien braucht. Zweitens bekommt man, wenn man zu spät bucht oft keine Tickets mehr und drittens hat man nur auf wenigen Strecken eine ernst zu nehmende Alternative zum Zug. Aber es gibt verschiedene Lösungen, die sich in den sieben Wochen, die wir in Indien waren herauskristallisiert haben.

General Quota mit Upgrade: De Facto ist es eigentlich so, dass ein Zug in Indien nie ausgebucht ist. Nur die reservierten Sitze oder Betten können ausgebucht sein. Es gibt immer (immer) die Möglichkeit eine Stunde vor Abfahrt ein Ticket zu kaufen („General Quota“ oder „Ordinary“) und sich in die unterste Klasse im Zug zu quetschen. Dort muss man mit hoher Wahrscheinlichkeit stehen und hat keinen Platz für sein Gepäck, aber man kommt von A nach B. Wenn man ein solches Ticket hat, kann man noch im Zug versuchen ein Upgrade auf sein Ticket zu bekommen und doch noch einen festen Sitz- oder Schlafplatz zu kriegen. Der Preis wird etwas, Zug fahren und auf dem Boden schlafenaber nicht wesentlich, höher sein, als wenn man gleich die entsprechende Klasse gekauft hätte. Da wir von einem Reisenden gehört haben, dass das Upgrade eigentlich immer funktioniert, haben wir es auf verschiedenen kurzen Strecken probiert und sind auch immer ganz gut zurecht gekommen. Wenn man also Tagsüber fährt ist die „General Quota“ meist absolut in Ordnung und man verliert eigentlich auch keine Zeit, weil sich einem zum Teil fantastische Landschaften bieten und man eigentlich immer interessante Leute kennen lernt. Von Kollam nach Madurai haben wir dann – aus purer Verzweiflung – auch bei einer Über-Nacht-Strecke auf diese Weise zurück gelegt. Das Ergebnis: es war kein Upgrade möglich und wir saßen von zwei bis vier Uhr Nachts auf dem Boden zwischen den Toiletten (die natürlich ordentlich stanken), von vier bis sechs konnten wir versuchen im Sitzen zu schlafen und für die letzten vier Stunden hatten wir dann endlich eine Bank für uns, so dass wenigstens einer liegen konnte. Wer damit keine Schwierigkeiten hat, oder wer, wie die Inder, auf der Gepäckablage oder dem Boden schlafen kann (der Chai (Tee)-Verkäufer kann schon irgendwie über einen klettern) für den ist das Problem gelöst. Für alle anderen gibt es noch Hoffnung.

Reisebüros: Indien ist Indien und in Indien ist alles möglich. Scheinbar haben manche Reisebüros mehr Möglichkeiten, als Normalsterbliche. Ob es so ist, weil sie Tickets auf Verdacht reservieren, oder weil sie der richtigen Person ein Bakshish geben weiß ich nicht und mir ist es auch eigentlich egal, solange ich an mein Ticket komme. Allerdings sollte man selber die Preise gecheckt haben, bevor man im Reisebüro nachfragt, damit man nicht übers Ohr gehauen wird. In Varanassi waren wir im Shanti-Guesthouse und das Reisebüro dort hat für faire 65-100 Rupis Kommission Tickets gekauft, die wir anders nicht mehr bekommen haben.

Ausgefuellter Reservierungsbogen zum Zug fahren in Indien

Das Reservierungsformular in Indien. Wie kann man Zugnummer und Zugname wissen, wenn man nicht weiss, welcher Zug noch verfügbar ist?

Zugstationen: Auch wenn der Service zum Teil extrem schlecht ist und das Ausfüllen des Reservierungsformblattes ein eigenes Studium erfordert, kann es sich manchmal lohnen den Weg zum Hauptbahnhof einer Stadt zurück zu legen. Zum einen kann man hier, und nur hier, Tickets der sogenannten „Foreign-Tourist-Quota“ bekommen, die manchmal selbst dann noch verfügbar ist, wenn der Zug eigentlich ausgebucht ist. Zum anderen scheinen die Verkaufsschalter an den Bahnhöfen Touristen zu bevorzugen, wenn es um die Warteliste geht. Den letzte Zug, den wir in Indien genommen haben konnten wir auf diese Art buchen. Nachdem wir das Ticket (mit Wartelistenplatz) gekauft haben mussten wir zum Chief-Office gehen und ein weiteres Formblatt ausfüllen. Damit hatten wir einen Platz sicher reserviert und mussten uns nur am Tag der Reise die Platznummern geben lassen.

Emergency (Tatkal): In Indien werden für jeden Zug eine gewisse Anzahl an Tickets für Kurzentschlossene zur Seite gelegt. Diese werden zwei Tage vor dem Reisedatum ab 8:00 Uhr morgens verkauft. Man kann sie entweder am Bahnhof, im Internet oder im Reisebüro bekommen. Wenn man nicht unbedingt eine Sicherheit braucht an einem speziellen Datum zu fahren (um z.B. einen Flug zu kriegen), dann ist das Emergency-Ticket eine gute Alternative. Die Tatkal-Tickets sind etwas teurer und man kann sie nicht mehr stornieren. Ein Bahnbeamter hat uns das einmal laut und deutlich ins Gesicht geschrien: „NO CANCELLATION!!!“

Multibuying: Eine Variante, die wir allerdings nie ausprobiert haben, ist das kaufen verschiedener Zugtickets am gleichen Tag. Damit steht man bei verschiedenen Zügen auf der Warteliste und die Wahrscheinlichkeit, dass man mitfahren darf erhöht sich etwas (wenn der Wartelistenplatz überall 100 ist, kann man die Variante allerdings auch vergessen). Das gute ist, dass man ein Zugticket in Indien jederzeit annullieren kann und dafür nur 60 Rupies bezahlt, wenn man auf der Warteliste stand sogar nur 20 Rupies.

Trotz aller Widrigkeiten schafft man es in Indien Man lernt beim Zug fahren viele interessante Inder kennen!mit dem Zug meistens (wenn man keinen Zeitdruck immer) von A nach B. Dabei kommt man leicht mit den Einheimischen in Kontakt und trifft auf Menschen, die in einem mehr sehen als einen reichen „Whiteman“, dem man mit allen Mitteln das Geld aus der Tasche ziehen muss. Ich habe die Fahrten (mit reservierten Betten) meistens genossen und viele nette und Interessante Leute kennen gelernt. Besonders die Strecken von Mumbai nach Goa – hier habe ich drei Krokodile im nur 200m neben den Schienen liegenden Wasser gesehen – und von Goa nach Hampi am Dudhsagar Wasserfall vorbei sind wunderschön und man sollte sie unbedingt Tagsüber machen.

 

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7 Responses to “Zug fahren in Indien”

  1. Alex sagt:

    Wer überfüllte Fahrten in indischen Zügen nicht miterlebt hat, der hat Indien nicht wirklich gesehen. Ich fand es, ungelogen, immer fantastisch auf Gepäckablagen zu schlafen außerdem ist mein Kopf grob geschätzt doppelt so oft auf einer indischen Schulter gelandet als anders herum. Das gehört einfach zu den prägenden Ereignissen einer Indienreise!

    • Bjoern & Maria sagt:

      Hey Alex,
      wir habens in unseren 7 Wochen nicht geschafft, so indisch zu werden, dass wir auf der Gepäckablage geschlafen hätten. Wie lang warst Du denn dort?
      Hattest Du eine Fahrt, die irgendwie besonders hängen geblieben ist?
      LG

  2. Gisela sagt:

    mochte gern mit dem Zug durch Indien habe 3 Wochen zeit. Kann mir jemand einwenig Typs geben. Start im Norden bis in den Süden. Danke Gruss Gisela

  3. Bjoern sagt:

    Indien ist einfach vollkommen abgefahren. Nicht nur die Züge :-)

  4. Arpitha sagt:

    Was wolltest Du denn in Indien?????

  5. johannes sagt:

    danke für diesen Reisebericht!

  6. […] Dass es in Indien mehr Zug erfahren als Zug fahren heißt, habe ich ja schon in dem Artikel Zug fahren in Indien angedeutet. Auch Antje Blinda von Spiegel Online fand einige unserer Geschichten so besonders, dass […]

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