*Achtung, der folgende Artikel ist nicht fuer sensible Personen zu empfehlen.*

Diese heilige Stadt, am Ufer des Ganges, war meine schwierigste Erfahrung in Indien. Für meinen Geschmack bin ich zu lange hier geblieben und das nur, weil wir keinen Zug in den Süden bekommen haben.

Der Tod ist in Varanasi allgegenwärtig, so dass ich mich vom ersten Moment an unwohl gefühlt habe. Um euch möglichst direkt an meinen Emotionen teil haben zu lassen, werde ich Teile meines Reisetagebuches (Texte in Anführungszeichen) aufschreiben.


Tag 0 – Die Ankunft in Varanasi

Wir sind mit dem Zug von Jaipur nach Varanasi gefahren. Nach einer unruhigen Nacht im Zug, mit einer Maus im Abteil, sind wir endlich in dieser heiligen und mythischen Stadt angekommen. Ich habe mich gefragt, wie es wohl sein würde dort zu sein, wo Tote verbrannt werden. Kann man sie sehen? Wie würde ich mich fühlen? Das hat mir ziemlich Angst gemacht, muss ich sagen.

“Unser Hotel, Shanti, ist in der Altstadt, direkt neben dem Hauptverbrennungs-Ghat: Manikarnika. Unser Zimmer ist im 7ten Stock, von wo aus ich den Ganges sehen kann: das Gegenüberliegende Ufer ist ein verlassener Sandstrand. Alles scheint ruhig und sauber. Auf unserer Seite nehme ich nur einen leichten Rauch wahr.”

Tag 1 – Die erste Verbrennung

“Nach dem Frühstück sind wir runter zu dem Ghat gegangen, an dem die Körper verbrannt werden. Zuerst sah man nur zwei brennende Holzhaufen, nicht viel grösser als ein Lagerfeuer. Wir konnten nicht mehr sehen und haben uns nicht getraut, näher ran zu gehen. Ein Typ hat uns das Gucken verboten und wollte Geld dafür haben. Bullshit.

Ein dritter Körper wurde auf einen kleineren Stapel Holz gelegt. Der Stoff, der ihn bedeckt fällt und man sieht seinen Kopf. Nur wenige Äste liegen auf seinem Körper und man sieht sehr genau seine Brust und seinen Kopf. Ich fühle mich schlecht und will mich hinsetzen, aber der Boden ist zu dreckig. Sein Gesicht wird ganz schwarz und scheint kleiner zu werden. Wir sind vor dem Ende der Verbrennung gegangen. Zum Glück war ich so weit weg. Fotografieren verboten. Wir waren unter Schock. Vielleicht war der Tote zu arm gewesen, um mehr Holz zu kaufen…

Wir sind an den Ghats entlang gelaufen und der Ganges sieht (von außen) nicht so schmutzig aus. Wie immer, jeder quatscht dich an und selbst mir als Frau hat man Opium angeboten: ‘Enjoy Varanasi’. Ansonsten sieht man überall Masseure, Männer in orange (=Sadhus, heilige Männer),Hunde und Kühe, viele kleine Tempel und… zufälliger Weise Christoph. Ein deutscher, den wir schon in Delhi kennen gelernt hatten.

Wir sind zum Hotel zurück gegangen. Auf dem Weg habe ich eine schwimmende Kerze mit Blumen gekauft, für die Bootsfahrt am Abend auf dem Ganges.

Der Inder, der das Boot rudert,erzählt uns, dass das Verbrennen ca. 3 Stunden dauert. 5 Personengruppen werden nicht verbrannt: Kinder unter 10 Jahren, schwangere Frauen, die heiligen Sadhus, die, welche von einer Kobra gebissen wurden (Zeichen Shivas) und Leprakranke. All diese werden an einen großen Stein gebunden und ins Wasser geschmissen. Es kann passieren, dass das Seil reißt, der Körper auftaucht und ans andere Ufer geschwemmt wird. Dort ist es verlassen und keiner schafft die Körper weg, so dass sie letztlich von Tieren gefressen werden. Außerdem hat er gesagt, dass die Witwen früher ins Feuer springen mussten oder gestoßen wurden. Heute können sie angeblich wieder heiraten oder leben in Witwenhäusern. OH MEIN GOTT, DIESE ARMEN FRAUEN!”

Tag 2 – Das Schöne Varanasi

An diesem Tag haben wir die Bootstour vom Vorabend wieder gemacht, diesmal bei Sonnenaufgang und ich habe mir ein in Indien sehr nützliches T-Shirt gekauft, damit die Verkäufer mir weniger auf den Geist gehen.

“Am Abend haben wir eine Aarti am Dasaswanedhi-Ghat gesehen. Sie ist eine sehr schöne, allabendliche, religiöse Zeremonie in Ehre für den Ganges, für Shiva und für den Weltfrieden. Das ist die schöne Seite Varanasis.

Danach haben wir ein Betel-Blatt probiert, was nach Zahnpasta geschmeckt hat.

Auf dem Heimweg haben wir mit einem Inder gequatscht. Er wäscht sich jeden Morgen im Ganges, trinkt ein Glass seines Wassers, geht zum Tempel beten und verkauft am Nachmittag Holz für die Verbrennungen. 1 Kg billiges Holz kostet 4 Rupies und man braucht mindestens 300 Kg, maximal 460 Kg für einen Körper, aber die Armen können sich manchmal nur 150 Kg leisten.”

Tag 3 – Die andere Seite

“Ich war sehr neugierig die andere Seite des Ganges zu sehen. Leerer mysteriöser und makaberer Ort. Wir mussten heftig feilschen um dorthin zu gelangen. Schließlich hat ein alter Mann akzeptiert uns für 50 Rupies in seiner Barke rüber zu bringen.

Die erste Sache, die ich sah: ein Hund, der an etwas frisst, dass deutlich wie ein menschlicher Brustkorb aussieht. Oh mein Gott! Ich traue mich nicht wirklich näher zu kommen, um ein Foto zu machen. Ansonsten gibt es nichts zu sehen. Nur Müll. Bei jeder Kokosnuss habe ich Angst es wäre ein Schädel. Außerdem gibt es einen Ziegenkadaver. Wir haben die andere Seite nach 20 Minuten verlassen. Das letzte Bild: dieses mal 4-5 Hunde, die die Reste vom selben menschlichen Körper fressen. Scheiß Köter. Menschenfresser! Björn ist unter Schock. Das ist normal. Wieso lassen die Inder ihre Reinen und Heiligen von Hunden zerfleischen?”

Sowas zu wissen ist schlimm, das Gefühl, wenn man es gesehen hat ist nicht zu beschreiben.

Um wieder auf andere Gedanken zu kommen, haben wir ein Konzert in der German Bakery gehört. Diese gibt einen Teil ihres Umsatzes an die Armen Varanasis.

Tag 4 – Die zweite Verbrennung

“Am morgen hatten wir unsere erste Jogasitzung auf der Terrasse des Shanti. Das hat gut getan. Dann haben wir endlich unsere Zugtickets für Jabalpur gekauft. Zum Glück hat es geklappt. Im Internet war alles ausverkauft und wir dachten, wir würden für immer in dieser verdammten Stadt stecken bleiben.

Wir haben den goldenen Tempel besichtigt, aber viele Areale waren für nicht-Hindus verboten. Es gab starke Sicherheitsvorkehrungen. Björn wurde von einem Priester gesegnet.

Dann wollten wir an den Ghats entlang laufen, bis zu dem Assi-Ghat ganz im Süden. Auf dem Weg wurde unsere Aufmerksamkeit von dem zweiten Verbrennungs-Ghat, dem Harishchandra-Ghat abgelenkt. Hier konnten wir von nahem zusehen. Noch einmal ein Körper mit zu wenig Holz: man kann gut das Gesicht sehen. Zum Glück fängt es an dunkel zu werden, und man kann die Gesichtszüge nicht genauer erkennen. Niemand kümmert sich um den Toten oder sieht seiner Verbrennung zu. Weder ist er von einem schönen Tuch bedeckt noch wird er mit Ganges-Wasser gesegnet. Eine Touristin fällt sogar in Ohnmacht. Dann sehe ich einen Tropfen vom Schädel auf den Boden fallen. Es sieht aus, als wäre der Körper aus Wachs und würde zu schmelzen beginnen. Mit einer langen Bambus-Stange schiebt ein unberührbarer die abbrechenden Beine zurück ins Feuer. Das macht er so grob und ungenau, dass er es mehrmals wiederholen muss bevor es gelingt. In diesem Moment fallen der verkohlte Körper und Schädel auf den Boden und werden mit Mühe und gefühllosem Gesichtsausdruck zurück ins reinigende Feuer geschubst. Es ist unglaublich, wie leicht der menschliche Körper verbrennen kann. Nach ein paar Stunden keine Spur mehr und der nächste Körper kommt auf die Asche des vorherigen. Am Abend konnte ich mein Essen nur schwer verdauen. Kein Appetit.”

Tag 5 – Krank

“Heute ist Björn ziemlich krank. Durchfall und Fieber. Ich, meinerseits, habe eine trockene Kehle, bin heiser und huste. Manchmal ist es, als würde ich ersticken. Ich versuche durch die Nase zu atmen, aber es ist schwer. Es gibt zu viel Rauch. 24 Stunden am Tag werden direkt neben uns ein halbes dutzend Körper gleichzeitig verbrannt. Ich will diesen Ort so schnell wie möglich verlassen!”

Tag 6 – Abreise

Björn geht es besser. Ich huste viel, meine Nase läuft und ich fühle mich KO. Zum Glück haben wir an diesem Abend die Stadt mit dem – ziemlich katastrophalen – Zug verlassen.

Das war meine Erfahrung in Varanasi, beschrieben so, wie ich sie in diesen Tagen erlebt habe. Selbst heute, 1 1/2 Monate später, kann ich kein Lagerfeuer sehen ohne mich dabei schlecht zu fühlen.

Am nächsten Tag, Dienstag der 7.12.2010, ist eine Bombe in Varanasi, während der Aarti, die wir schon gesehen hatten und die Björn gerne nochmal besucht hätte, explodiert. Ein Kind ist gestorben und mehrere Touristen wurden verletzt. Ich bin sehr glücklich diesen verdammten Ort rechtzeitig verlassen zu haben.

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3 Responses to “Varanasi, eine bedrückende Stadt, von Maria”

  1. Lulu sagt:

    Ich liebe Indien und ganz besonders Varanasi. So unterschiedlich können Orte auf Menschen wirken. Ich habe insgesamt sechs Monate in Varanasi verbracht (bin übrigens am Tag des Bombenanschlags dorthin zurückgekehrt) und finde, dass gerade hier, wo der Tod zum Alltag gehört, das Leben pulsiert wie nirgendwo sonst. Falls es euch interessiert, wie ich die Stadt erlebt habe, könnt ihr dies hier nachlesen: http://www.carolelauener.com/varanasi/. Weiterhin gute Reise!

  2. Bjoern & Maria sagt:

    Ich würde vermuten, das hat nicht unbedingt was mit dem Alter zu tun, sondern mit den Augen mit denen man guckt und mit dem, was dahinter das Gesehene verarbeitet :)
    Manches, was man in Indien und sehr stark auch in Varanasi sieht, ist schon schwer zu verstehen. Aber das es auch unfassbar spirituell ist, ist unabstreitbar.

  3. Beate sagt:

    Interessant! Wahrscheinlich muss man erst in mein Alter kommen, um die Stadt Shivas ganz anders zu empfinden. Ich hielt mich im Jahr 2007 tagelang alleine dort auf, durchstreifte die Stadt und empfand sie als sehr spirituell und keineswegs als einen „verdammten Ort“. Und der Tod gehört nun einmal zum Leben dazu; nirgends spürte ich das deutlicher als hier …
    LG Beate

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