*Wer der Französischen Sprache mächtig ist, sollte sich auch Marias Bericht anschauen. Dieses mal unterscheiden sich unsere Versionen sehr!*

Kennst Du die Geschichte vom weißen Elefanten? Nein? Ich erzähle sie dir gerne, wenn Du willst, aber ich stelle zwei Bedingungen:

1. Ganz egal, wie unwahrscheinlich sich manches anhören mag, Du musst mir glauben, dass es mir tatsächlich so passiert ist

2. Du bist nun Ich!

Du bist auf der Suche nach der Antwort. Schon lange quält es dich sie nicht zu kennen. Du bist frei und bestimmst selbst was Du tust und so machst Du dich auf den Weg sie zu finden – die Antwort. Du hast von einem Ort gehört. Die Leute sagen, er ist besonders. „Geh dort hin“ sagen sie “dort findest Du Antworten.“ Beim weißen Elefanten. Du zögerst nicht und machst dich auf die Suche. Der Weg ist nicht kurz und er ist nicht einfach, aber Du hast entschieden ihn zu gehen, um die Antwort zu finden. Endlich gelangst Du an einen Hügel und ein Äffchen kommt zu dir gesprungen und sagt: „Folge mir, mein Freund, Du willst den weißen Elefanten sehen. Ich zeige ihn dir. Heute ist es schon spät, aber morgen kannst Du ihn besuchen. Schlage diese Nacht hier dein Zelt auf, mein Freund, nirgendwo kannst Du den weißen Elefanten besser sehen, als von diesem Hügel.“ Also baust Du dein Zelt auf und schaust Dir den weißen Elefanten an, von dem die Leute sagen, dass er etwas besonderes ist.

Ja, er ist schon besonders, wie er da sitzt vor dem heiligen Fluss. „Warum sitzt er überhaupt da?“ fragst Du Dich und betrachtest den weißen Elefanten noch eine ganze Weile von Deinem Hügel aus. Aber leise und nur für Dich denkst Du, dass er eigentlich nur ein recht großer und ziemlich weißer Elefant ist. „Vielleicht denke ich nur, dass er besonders ist, weil alle sagen, dass er es ist!?“ schießt es dir durch den Kopf. Aber Du hast dass Gefühl, dass Du ihn besonders finden sollst, oder musst, weil halt alle ihn besonders finden.

Hinter dem weißen Elefanten zieht der heilige Fluss seine Bahnen und links und rechts neben ihm sitzen zwei Büffel, vermutlich, damit er nicht ganz so einsam ist. Vor dem weißen Elefanten steht ein großer Tiger, der den weißen Elefanten bewacht. Du fragst dich ob es wohl in Ordnung ist, wenn Du den Tiger mehr besonders findest als den weißen Elefanten. Sein Körper hat eine wundervolle Musterung und die roten und weißen Farben geben seinem Fell einen herrlichen Kontrast. Stark und eindrucksvoll sieht er aus, als könnte niemand ihm etwas anhaben.

Mit solcherlei Gedanken legst Du dich schlafen und fragst dich wieder, warum der weiße Elefant überhaupt hier ist. Morgen wirst Du jedenfalls zu ihm gehen. Du bist ja wegen der Antwort hier und vielleicht kennt der besonders weiße Elefant ja besonders gute Antworten.

Als Du früh am nächsten morgen aufwachst und frühstückst, schaust Du dir den weißen Elefanten an, von deinem Hügel aus. Im Licht der Morgensonne sieht er gar nicht mehr so ganz weiß aus, sondern schimmert eher in einem zarten rosa. Das ist nun doch etwas besonderes. Du freust dich und es wächst deine Hoffnung, dass der weiße Elefant dir die Antwort geben kann, die Du so lange schon suchst.

Nach dem Essen gehst Du den Hügel hinab zum weißen (und im Morgenlicht rosafarbenen) Elefanten. Zuerst musst Du den Tiger passieren um zum weißen Elefanten zu kommen. Der Tiger ist wachsam und er sorgt dafür, dass alles richtig von statten geht. Denn immerhin ist der weiße Elefant etwas besonderes und viele Menschen wollen ihn besuchen, so wie Du.

Als der Tiger dich durchgelassen hat, siehst Du den weißen Elefanten zum ersten mal im Ganzen. Er ist wundervoll. Eine strahlende Pracht im Licht des Tages. Du bist zutiefst beeindruckt. Von seiner Größe, seiner Reinheit, davon, dass er majestätisch und würdevoll da steht, aber zugleich so schlicht und bescheiden erscheint. Auf seinem Kopf trägt er eine weiße Krone. Er trägt sie wie ein ewiger König, doch ist sie so unauffällig, dass Du sie vorher nicht bemerkt hast. Langsam, ja fast bedächtig gehst Du auf ihn zu, ohne Hast. Du willst diesen Moment des Kennenlernens nicht zu schnell vergehen lassen, versuchst ihn zu konservieren. Und wieder musst Du gestehen, dass der weiße Elefant etwas ganz besonderes ist. Mit jedem Schritt den Du auf ihn zu gehst, entdeckst Du etwas neues an ihm. Jeder Schritt den Du tust ändert deine Sicht. Du siehst jetzt, dass seine Haut nicht glatt und weiß ist, sondern eine schattierte Struktur hat, die Du aus der Ferne nicht sehen konntest. Du bemerkst, dass um seine Augen ein dunkler und geheimnisvoller Schatten liegt. Beim nächsten Schritt wird dir bewusst, dass eine Schrift diesen Schatten malt. Du kannst sie nicht lesen, aber sie ist alt und voller Kunst. Du kommst näher und bemerkst Linien auf seiner Haut, die keine Falten sind, sondern Blumen, Formen und Symbole. Seine Beine gleichen Türme aus weißem Marmor, gespickt mit zarten Verzierungen. Noch näher siehst Du die weiße Krone und sie ist eine Lotus-Blüte. Wieder ein Schritt und dir wird bewusst, dass seine Stoßzähne nicht etwa schmucklos und eben sind, sondern perfekte Spiralen aus wundervollem Weiß. Seine großen Ohren, erkennst Du einige Meter weiter, sind umrahmt von phantastischen Zeichnungen. Dann gehst Du einen letzten Schritt auf ihn zu und kannst tief in seine Augen schauen. Sie sind von Grund auf gutmütig und selbst in ihnen kannst Du jetzt feine Motive entdecken.

Um den weißen Elefanten herum laufen viele Menschen, manche bedächtig wie Du, andere bewegen sich schneller, wieder andere gar hektisch. Es ist viel los um ihn herum, aber der weiße Elefant sitzt nur da und stört sich nicht daran. Er sieht aus, als würde er warten oder wachen. Aber auf was oder über wen? Und Du fragst: „Warum bist Du hier, weißer Elefant?“ Du hattest dich auf den Weg gemacht zum weißen Elefanten, um die Antwort zu finden, aber was war deine Frage gewesen? Was quälte dich schon seit langem nicht zu wissen? Du willst eine Antwort, aber Du kennst die Frage nicht, wird dir bewusst. Umso erstaunter bist Du, als Du dennoch eine Antwort bekommst. « Ich weis warum ich hier bin. Aber das ist nicht deine Frage! Was dich interessiert ist, warum Du hier bist » Du hast eine Antwort gesucht, und was Du bekommst ist eine Frage. Wie eine Welle durchflutet sie dich: „Warum bin ich hier?“ Ungläubig stellst Du dem weißen Elefanten deine neue Frage. Er schaut geduldig auf dich hinab, aber als er schweigt wird dir klar, dass er dich bereits bis ans Ufer geführt hat. Überwinden musst Du den Strom aus eigener Kraft. „Warum bin ich hier?“ Verwirrt wanderst Du um den weißen Elefanten herum. Du gehst auch zu den beiden Büffeln und noch einmal zu dem Tiger. Von weitem schaust Du ein letztes mal auf den weißen Elefanten. Er scheint nicht weiß zu sein, noch schimmert er rot, sondern glänzt nun gelblich. Er ist etwas sehr besonderes. Und dir wird etwas klar, die Erkenntnis durchströmt dich wie ein frischer Bach. Du bist hier, weil die Leute dir gesagt haben: „Geh dort hin“. Du bist nicht hier weil Du frei bist, Du bist hier, weil Du nicht frei bist. Du hast nicht entschieden den weißen Elefanten zu sehen, Du hattest nur die Wahl herzukommen oder nicht herzukommen. Aber das ist nicht schlimm. Du wolltest eine Antwort und hast eine Frage bekommen. Auch das ist nicht schlimm. Die Antwort auf die Frage, die Du vorher nicht kanntest, hast Du nun selber gefunden. Und Du hast den weißen Elefanten getroffen. Den weißen und besonderen Elefanten.

Es ist nicht schlimm gelegentlich unfrei zu sein, Du muss nur wissen, wenn Du es bist. Denn Du hast immer eine Wahl. Es ist nicht schlimm manchmal nicht weiter zu wissen, Du darfst nur nicht aufgeben, denn irgendwann kommt die Zeit der Erkenntnis, wenn Du danach suchst.

So ist es mit wiederfahren, so wird es dir wiederfahren.

Der weiße Elefant hat übrigens einen Namen: Taj Mahal

 

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3 Responses to “Der weiße Elefant”

  1. Niko sagt:

    Sehr schön erzählt.

  2. LazyLion sagt:

    Ich bin frei – so frei, wie ich mich fühle :-)

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