Hier kommt er endlich, der lang ersehnte Artikel.

Zur Erinnerung: wir haben unsere erste Woche in Moskau verbracht und haben dann den Zug nach Irkutsk (die Hauptstadt Sibiriens im Herzen Russlands) genommen. Das sind 5153 km Strecke in 5 Tagen am Stueck. Wir sind in der guenstigsten Klasse gefarhren: die dritte Klasse mit 54 Betten, die wir mit dem lustigen russischen Volk geteilt haben. Wir, Maria und Bjoern, sind sehr gespannt, wie das sein wird.

Und, wie war es nun? ERHOHLSAM! Ehrlich. Nach einer Woche Moskauer Stress, die uns Husten und Schnupfen als Souvenier mitgegeben hat, hat es uns sehr gut getan, einige Tage im Bett zu verbringen ohne staendig in Bewegung sein zu muessen. Aber wir haben das Schlimmste erwartet.

In der dritten Klasse schlafen 54 Leute in einem Wagon, und in unserem Fall wurden der Wagon durch kleine Mauern in Kompartimente von 6 Leuten unterteilt, so dass man nur seine naechsten Nachbarn im Blickfeld hat. Von anderen haben wir gehoert, dass es auch Zuege ohne Mauern gibt. Das beruhigenden Rattern des Zuges (Tschsch-Tuc-Tuc Tschsch-Tuc-Tuc) hat dabei das Schnarchen in allen Tonlagen der anderen 52 Pasagiere uebertoent. Nun, die Betten sind schmal und sehr kurz, so dass die Fuesse rausgucken. Wenn man durch das Abteil geht, hat man leicht einen Fuss im Gesicht, der seit Tagen nicht gewaschen wurde.

Aber, wir haben kleine Handtuecher und saubere Bettwaesche bekommen, es gibt ein Bord-Resaurant und immer heisses Wasser. Das Wasser ist besonders wichtig, da das Essen an Bord nicht besonders gut und nicht besonders billig ist, so dass man ohne Unterlass Fertignudeln essen und Tee oder Kaffe trinken muss um nicht an Hunger zu sterben – wir haben wirklich eine Fertig-Nudel-Diaet gemacht.

Dann die Probleme mit der Toilette. Immerhin gibt es welche. Schonmal ein guter Anfang. Aber sie waren die meiste Zeit ueber geschlossen und wir hatten keine Ahnung wieso. Also sind wir bei den Stops in Flip-Flops zur Toilette am Gleis gelaufen und mussten hoffen, dass wir den Fahrplan richtig verstanden haben und der Zug nicht ohne uns aber mit all unseren Sachen losfahren wuerde. Wir hatten wirklich Angst, weil er ohne Warnung startet, kein Pfeifen, nichts. Beim zweiten Bahnhof, waren die Toiletten sehr, sehr weit von unserem Abteil (wir hatten den ersten Wagon) und als Kroenung waren wir nicht am Bahnsteig. Wir mussten somit ueber das Nebengleis und hoffen, dass zwischendurch kein anderer Zug kommen wuerde. Also beeilten wir uns, um rechtzeitig zu unserem Wagon zurueck zu kommen und auf dem Rueckweg sagte ich zu Maria: „Wir kommen zu spaet, wir muessen UNTER dem Zug durch. Ich habe andere gesehen, die das selbe gemacht haben.“ Die Idee, unter einem Zug zu laufem der ohne Signal losfaehrt, ist nichts, dass ich normalerweise in Betracht gezogen haette, aber das Ende des Zuges kam nicht naeher und die Zeit lief unbahrmherzig weiter. Nun gut, wir haben es gemacht. In dieser einen Sekunde ist uns wirklich das Herz in die Hose gerutscht. Okay, die Zuege sind sehr hoch und starten langsam, aber wir schwoeren, dass wir es nicht wieder machen werden. Spaeter hat uns der Schaffner fuer die Nacht, der ein paar Worte Englisch konnte, erklaert, dass die Toiletten des Zuges immer vor, waehrend und nach einem Stop geschlossen werden. In den grossen Staedten macht das leicht  zwei Stunden. Nun, gut so etwas zu wissen.

Alle 52 anderen Passagiere in unserem Abteil waren Russen und niemand konnte etwas anderes sprechen als russisch. Wir hatten die Gesellschaft von der dicken Schaffnerin, die immer in unserem Abteil sass, ein Russe, der kaum gesprochen hat und eine 67 jaehrige Tratschtante. Die beiden Damen haben uns rund um die Uhr bemuttert und haben sehr auf uns aufgepasst. Wir haben sie irgendwann unsere „Russka Mama“ genannt. Sie haben mit uns geschimmpft, weil wir unsere Betten schlecht gemacht haben, weil ich ohne Sandalen durch den Zug gegangen bin usw. Die dicke Russka Mama hat Maria sogar beim ersten mal hochgehoben, als sie versuchte auf das obere Bett zu kommen. Beide haben Stundenlang auf russisch mit uns gesprochen, aber wir haben kein Wort verstanden. Wir konnten nur duemmlich laecheln. Mit der Zeit hat aber die nonverbale Kommunikation beser funktioniert und wir wussten am Ende warum sie wohin wollte und kannten ihre Tochter, Elkeltochter und ihren Hund. Und es hat immer viel Spass gemacht. Am Ende waren wir sehr traurig, als wir aussteigen mussten.

Sie haben uns zwei Grossmutterrezepte gegen Erkaeltung mit auf den Weg gegeben:

–          Kaue eine Knoblauchzehe und behalte sie einige Zeit im Mund, dann unterschlucken.

–          Wickele deinen Finger in Watte und tauche ihn in Vodka. Dann reibe damit deinen Rachen ein. Man muss ihn nicht trinken, im Gegenteil. Das ganze muss man mehrmals am Tag wiederhohlen.

Wir mussten beides machen. Russka Mama lies uns keine Wahl. Aber am nachsten Morgen hatten wir immer noch Schmerzen. Vermutlich haben wir das Ganze nicht oft genug gemacht.

Die Stimmung im Zug war ziemlich gelassen und ausgesprochen Respektvoll. Abends war es ueberraschend ruhig. Wir hatten gedacht, die Russen wuerden Vodka trinken, Karten spielen und ausgelassen feiern. Tatsaechlich haben viele Durak (=Dummkopf) gespielt, aber wir haben niemanden Vodka trinken sehen. Die jungen Russen trinken heute lieber Bier. Aber vermutlich haengt es vom Wagon und den Leuten ab die mit einem reisen. Sicher kann es auch laut sein.

Die Aussicht aus dem Zug ist relativ einfach beschrieben: Wald, soweit das Auge reicht. Erst in der Mongolei und in China aendert sich das Bild. Das heisst aber nicht, dass es keinen Spass macht einfach mal ein oder zwei Stunden raus zu schauen.

Nach fuenf Tagen also sind wir gluecklich in Irkutsk angekommen. Die Zeitverschiebung von Moskau nach Irkutsk betraegt +5 Stunden. Wir haben im Zug versucht immer ein oder zwei Stunden eher schlafen zu gehen um nicht einen Jetlag zu bekommen. Die Trasnsibierische Eisenbahn faehrt naemlich immer nach Moskauer Zeit durch Russland.

Die beiden anderen Strecken im Zug (Irkutsk nach Ulan Bator und Ulan Bator nach Peking) sind wir in der zweiten Klasse gefahren, weil es keine dritte Klasse in Internationalen Verbindungen gibt. Zweite Klasse, das heisst vier Leute, die in einem Abteil schlafen. Das kann wesentlich schlimmer als die dritte Klasse sein, wenn man sich den Platz mit sehr lauten Schlaefern teilt, oder wenn man sich nicht versteht. Man hat einfach keine Ausweichmoeglichkeit. Natuerlich hat man etwas mehr Konfort und die Fuesse gucken nicht aus dem Bett, aber man hat weniger Chancen die Leute aus den anderen Abteilen kennen zu lernen. An der Grenze haelt die Eisenbahn fuer 4-5 Stunden und die Toiletten sind geschlossen. Das kann eine echte Qual sein, glaubt uns!

Die Grenze zwischen Mongolei und China ist allerdings eine besondere. Die Gleise in der Mongolei haben eine andere Spurbreite als in China. Der Grund ist, dass beim Bau der Eisenbahn die Russen den Chinesen keine Moeglichkeit geben wollten schnell viel Material und Menschen nach Russland zu bringen. Sie hatten Angst vor einer Invasion. Der zug faehrt nach der Passkontrolle in eine Halle, die Wagen werden getrennt und um ca. 1,5 m angehoben! Mit den Passagieren drin! In dieser Zeit werden die Raeder gegen schmalere gewechselt. Dann wird man ziemlich durchgeschuettelt, wenn die Wagen wieder aneinander geschoben werden. Danach geht es weiter in das Land der Mitte: China.

Insgesamt war die Transsibirische Eisenbahn wirklich eine einmalige und tolle Erfahrung, die man auch in einem drei oder vierwoechigen Urlaub machen kann. Nicht zu vergleichen mit einer Fahrt im bus oder Auto! Der Weg ist hier das Ziel.

 

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12 Responses to “Die Transmongolische Eisenbahn in dritter Klasse!”

  1. Elmar sagt:

    Super, danke!!! Ja ihr konntet mir helfen: vor allem gings mir darum, ob ich die Tickets erst vor Ort kaufen kann…und ich glaub wir werden es jetzt einfach mal riskieren. Haben den Flug nach Moskau und werden dann am ersten Tag gleich zum Bahnhof marschieren….mal sehen…haben ohnehin ein bisschen Luft in der Palnung 😉

    Danke euch vielmals für die tolle Seite und die Erfahrungen udn Hilfe!

    Liebe Grüße, Elmar

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