Nachdem wir von Hong-Kong aus nicht zurück nach China konnten, mussten wir mit dem Flieger nach Indien einreisen und haben uns dann dort fast ganz und gar auf das Schienennetz aus der englischen Kolonialzeit verlassen. Hier ein paar Leckerbissen und Anekdoten. Dass es in Indien mehr Zug erfahren als Zug fahren heißt, habe ich ja schon in dem Artikel Zug fahren in Indien angedeutet. Auch Antje Blinda von Spiegel Online fand einige unserer Geschichten so besonders, dass Sie uns ein paar Seiten in Ihrem neuen Buch „Sorry wir haben uns verfahren“ gewidmet hat.

Erleuchtung im Indien-Express

Der Indien-Express

Ein Mitfahrer hat mich auf der Fahrt nach Agra 20 Minuten vor der Ankunft aus dem Nichts heraus bei den Händen gefasst, mir in die Augen geschaut und gesagt: „Ich werde dir jetzt etwas über Indien beibringen. Schließe deine Augen und leg deine rechte Hand auf deinen Kopf.“ Nach einer Blitzeinweisung sollte ich mich so mit der „Quelle“ verbinden, mit Brahman dem höchsten Gott des Hinduismus. Ich bin nicht wirklich religiös, aber ich versuche gerne Neues. Für 10 Minuten habe ich dann still dagesessen, die Augen geschlossen, und meditiert. Das gesamte Abteil schien den Atem anzuhalten und mich zu beobachten. Als ich die Augen wieder öffnete… war alles wie vorher. Nur habe ich seit diesem Tag angefangen zu meditieren.

Dies war sicher eine der positivsten Erfahrungen, die ich in Indien gemacht habe. Aber auch andere Zugfahrten waren bemerkenswert.

Das Heilige Buch

Wir warten mit Indern auf den Zug

Beim Warten auf den Zug saßen wir malwieder auf dem Boden. Als wir mit dem Schmökern im Reiseführer fertig waren und unser Abendbrot aßen, sprach uns ein junger Mann an. Sicher nicht älter als 23 Jahre, aber mit einer Ruhe und Selbstsicherheit, die eigentlich den Alten und Weisen vorbehalten sein sollte. Wir unterhielten uns eine Weile bis er sagte: „Ihr solltet euer Buch nicht auf dem Boden liegen lassen. Das ist sehr schlecht angesehen.“ „Wieso?“, fragen wir. „Das ist nur ein Reiseführer, kein heiliges Buch.“ „Bei uns“, sagt er „ist jedes Buch heilig. Die Gedanken, die ein Mensch wichtig genug fand, um sie aufzuschreiben, sind etwas Besonderes. Das geschriebene Wort ist wertvoll.“

Schlafen in Begleitung

Schlafen im Zug in Indien

In welcher Nacht, in welchem Zug, auf welcher Strecke es war? Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht mehr. Ich weiß nur, dass wir spät zugestiegen sind, so gegen 1 Uhr vielleicht. Wir können noch nicht lange in Indien gewesen sein: wir waren noch rücksichtsvoll. Auf unseren Betten lagen schon Gestalten. Ist ja kein Problem, wir wussten immerhin schon, dass es in jedem Nachtzug Fahrgäste gibt, die nicht das Glück eines Schlafplatzes haben. Also haben wir leise und vorsichtig die Beine geschüttelt, die aus den kurzen Matratzen hervorragten. Keine Reaktion. Wir wurden etwas lauter und etwas nachdrücklicher. Keine Reaktion. Okay, die Inder sind nicht sonderlich empfindlich, also richtig ruppig und ordentlich laut. Keine Reaktion. Da kommt uns ein älterer Mann zur Hilfe. Er rüttelt und schüttelt die beiden wach. „Lasst euch nichts gefallen. Die sind nicht nett!“.  Nun gut, wach sind sie, aber uns unseren Schlafplatz geben, das wollen sie immer noch nicht. Irgendwie kommen wir dann doch auf unser Bett, legen uns hin und versuchen zu schlafen. Leider haben die beiden geweckten ihrerseits nun keine Lust mehr zu schlafen. Stattdessen reden sie lauthals mit Ihren Freunden, hören Musik und… setzen sich auf mein Bett, und damit auch auf meine Beine. Und als Antwort auf mein Meckern gibt es nur ausgelassenes Lachen. Als sie irgendwann – irgendwann – doch müde werden, schlafen sie zu zweit auf dem Boden zwischen unseren Betten ein.

Inder und Alkohol?

Inder fahren mit dem Zug nach Goa

Auf unserem Weg von Mumbai nach Goa waren wir in der Begleitung von fünf indischen Studenten, die dem stressigen Alltag der Großstadt entfliehen wollten. Wir sprachen über alles Mögliche: über Frauen, verlegenes Lachen – noch nicht vergeben; über Alkohol, nein sie trinken nicht; über ihr Studium, ihre Pläne über unsere Reise… Sie waren irgendwie beeindruckt, fast eingeschüchtert von uns Ausländern. Aber mit der Zeit – und davon hat man genug im Zug in Indien – wurden sie entspannter. Schließlich erklärten Sie uns ganz freudig, dass Goa der Staat in Indien ist, in dem die Alkoholsteuer am niedrigsten ist. „Achso, ihr trinkt also doch Alkohol?“. Als Antwort gab es wieder nur verlegenes Lachen und schüchternes auf den Boden schauen. Nach den Frauen haben wir dann nicht noch einmal nachgefragt…

 

You can leave a response, or trackback from your own site.

One Response to “Indische Zugerfahrungen”

  1. Marina sagt:

    Supercool :) Bin auch aus Indien zurück und habe NATÜRLICH auch übers Zugfahren berichtet!
    https://meshuggat.wordpress.com/2015/04/14/288/

Leave a Reply


× sechs = 54