Nach Hightech-Singapur befinden wir uns nun wieder in Malaysia, diesmal im Staat Sarawak auf der von Dschungel überwucherten Insel Borneo.

Lemanak Fluss im Dschungel Malaysias

Wir wollten unbedingt etwas von den diversen dort vertretenen Ethnien kennenlernen. Die angsteinflößendste von allen sind die Iban, die Kopfjäger Borneos. Es gehörte zu ihrer Tradition, ihre Feinde oder auch die Mitglieder der benachbarten Stämme zu köpfen, die Köpfe zu räuchern und mit dieser Trophäe ihr Haus zu dekorieren. Machen sie das immer noch? Selbstverständlich ist es heute vom Staat verboten, aber gesichert ist, dass noch bis in die zweite Hälfte des 20ten Jahrhunderts hinein Köpfe gejagt wurden. Und wer weiß schon, was sich in den abgelegenen Ecken des wilden Urwalds wirklich abspielt.

Rumhängen im Sarawak Museum

Traditionell leben die Iban relativ abgeschieden im Dschungel in Langhäusern. Dieses beherbergt unter einem Dach neben den Zimmern aller Familien auch einen langen, gemeinsamen Flur, welcher als Gemeinschaftsraum für die ganze Sippe dient.

Als Basis für unsere Ausflüge diente uns eine Unterkunft in Kuching, das Nomad Guesthouse. Es ist ein geschmackvoll eingerichtetes und von einem Iban geführtes Hostel. Maria hatte schon so Ihre Sorgen, bei einem Kopfjäger zu wohnen. Was ihren Kopf angeht, waren sie zwar unberechtigt, aber dafür wurde sie 2 Wochen lang nächtlich von Bettwanzen geküsst.

Tattoo eines Iban

Um aber Iban zu treffen, die noch traditioneller leben, in einem Langhaus nämlich,  waren wir leider auf eine Reiseagentur angewiesen. Man kann bei den Iban nicht einfach so vorbeischauen und sich selber mitbringen. Eine Einladung des Chefs des Langhauses ist Pflicht und Kopfjäger will man nicht unbedingt verärgern. Auch liegen die meisten Langhäuser eher abseits und nur selten an einer Straße. Alle Agenturen, die solche Ausflüge anbieten, tun das – verglichen mit den sonstigen Kosten Malaysias – leider zu unverschämten Preisen. Auch in Anbetracht der Tatsache, dass es sich im Endeffekt nur darum handelt, eine Nacht mit anderen Touristen auf dem Boden in einem Flur zu schlafen, muss man sagen, dass die Agenturen hier wirklich von der Abhängigkeit der Touristen und der Anziehungskraft des Wortes Kopfjäger profitieren. Das beste Angebot, das wir finden konnten waren 480 RM = 121 Euro pro Person. Natürlich sind auch etwas Singen und traditioneller Tanz (Nagajat) mit im Programm. Aber ob das alles wohl so authentisch sein würde? Wir waren dabei, uns wissentlich wie dumme Touristen zu verhalten. Nach langem Zögern haben wir dann entschieden, das kommende Wochenende abzuwarten, an dem die Iban das wichtigste Fest des Jahres feiern. Das Erntedankfest Gawai Dayak findet immer am 1. Juni statt und ist Anlass für eine Zeremonie im Rahmen der Familie anstelle der gewöhnlichen Tänze für die Touristen – das zumindest hofften wir. Aber wir wussten, wir würden dem Preis entsprechend hohe Erwartungen haben und sind unsere Reise mit einigen Bedenken angetreten. Gleichzeitig faszinierten uns die Kopfjäger und Maria hatte wirkliche Angst.

Unser eigener Minibus

So sind wir am 31 Mai 2011, einen Tag nach Marias 28tem Geburtstag, aufgebrochen. Wir waren alleine in einem Minibus mit dem chinesischen Fahrer, der auch unser Guide war. Er verbrachte die meiste Zeit damit, über die faulen Malaien herzuziehen. Auch unser Mittagsessen-Stop verhieß nicht viel Gutes. In einer kleinen Snackbude bekamen wir ein schlechtes Essen, eine wahre Seltenheit in Malaysia. Danach ging es zum Laden nebenan, um das zum Protokoll gehörende Mitbringsel zu kaufen. Und was kauft man für eine Familie mit über 100 Mitgliedern? Irgendwas, dass sich lange hält und was man gut teilen kann: Cracker – im XXL Format. Rein zufällig war ein anderes Touristenpaar auch gerade dabei das gleiche zu kaufen.

The perfekt gift - XXL cracker

Nach vier Stunden Autofahrt wartete ein klappriges Langboot und wir liessen uns 45 Minuten lang auf dem Lemanak-Fluss schaukeln, der oft nicht tief genug war, um das Boot zu tragen. Der Dschungel aber, der uns umgab, war wunderbar – ganz im Indiana Jones Stil. Wir fuhren mit vier weiteren Paaren in die gleiche Richtung. Jedes Paar war mit seinem eigenen Siebensitzer angekommen, schaukelte auf einem eigenen Boot und hatte seinen eigenen Guide, der nicht gerade viel erzählte.  An dem Punkt hätte man schon mal sparen können. Warum sind wir nicht alle gemeinsam gefahren? Immer diese Reiseagenturen, die die naiven europäischen Touristen ausnehmen, wo sie nur können. Puh, okay, ich versuche mich zu beruhigen!

Start of the boat trip on the Lemanak river

our boat trip  on the Lemanak river

Der Ort, an dem wir ankamen immerhin, war schön und abgelegen und wir wurden sehr freundlich empfangen. Wir lernten natürlich den Chef des Langhauses und auch die ersten Bewohner kennen, die sehr nett zu sein schienen. Der Hausälteste war tatsächlich sehr alt und spargeldünn. Er hatte sogar ein berüchtigtes, traditionelles Tattoo auf dem Kehlkopf, welches nach den alten Riten bezeugt, dass er bereits jemanden geköpft hat. Hilfeee!

Iban Longhouse

Und nun war der schlimmste Moment der Tour gekommen: jeder der Touristen übergab dem Ältesten persönlich sein Paket XXL Cracker. Als Dank gab es ein Händeschütteln und eine Pose fürs Foto. Wir hatten von allen Touris die wenigsten Cracker mitgebracht, aber es war uns egal. Das ganze war vollkommen lächerlich. Was wollten die Iban mit einer Tonne Cracker anfangen? Vielleicht wieder an den Laden zurückverkaufen, von dem wir es geholt hatten?

What to do now with all the Crackers

Björn war danach mit den Kindern der Gemeinschaft im schlammigen Fluss schwimmen. Nicht weit entfernt hatten sich einige alte Damen, mit Pareo bekleidet, zurückgezogen um sich zu waschen, damit die Touristen nicht ihren blanken Busen sahen. Unter den Iban wäre niemand geschockt seine Oma topless zu sehen. Gut erfrischt gab es ein leckeres, von unserem Guide gekochtes Abendessen.

Playing in the river with Iban children

Und dann ging der Abend richtig los. Alt und Jung tanzten die ganze Nacht lang zusammen den „Pocho-Pocho“. Auch wir wurden zum mitmachen gezwungen, doch zum Glück ist der Pocho-Pocho schön einfach zu lernen. In einer kurzen Pause wurde uns auch noch ein „echter traditioneller Tanz für Touristen“ vorgeführt. Man konnte sehen, dass sie das jede Woche machten, im Gegensatz zum Pocho-Pocho.

Ngajat Iban danceNgajat dancing

Nach dieser obligatorischen Unterbrechung ging es zurück zum Feiern des Erntedankfestes. Es wartete der Gawai-Tree auf uns, ein Baum, bestückt mit Geschenken – vorzugsweise Reiswein und Reisschnaps. Einer nach dem anderen machte eine Runde um den Baum, ein Feder auf dem Kopf und einen Säbel in der Hand um sich ein Geschenk abzuschneiden (ein Schere hätte auch gereicht, oder?).

Gawai treeWe unter the Gawai tree

Als der Chef Maria dann den Säbel etwa auf Halshöhe entgegenstreckte, hatte sie schon wieder schlimmes im Kopf. Ja, sie ist wirklich etwas Paranoid. Also durften auch wir uns ein bisschen lächerlich machen und im Vogelstil um den Baum tanzen.

Maria dancing around the Gawai tree Ricewine present

Den restlichen Abend verbrachten wir damit, den Pocho zu tanzen und jede Menge Reiswein und Reisschnaps zu trinken. Genau um Mitternacht wurde die Stereoanlage dann ausgeschaltet und es wurden christliche Gebete gesungen. Tatsächlich sind die meisten Kopfjäger heute gläubige Christen. Sie breiteten ein üppiges Dinner auf dem Flurboden aus und wir wurden aufgefordert von den unzähligen Köstlichkeiten zu probieren. Irgendwann, so gegen 2 Uhr morgens, gingen Maria und ich vollkommen erledigt schlafen, während die anderen im gleichen Zimmer weiterfeierten. Wir haben beide schlecht geschlafen. Maria hatte Angst geköpft zu werden und auch ich hatte Albträume diese Nacht.

Iban Longhouse from inside Eating together

Am Morgen waren wir die Letzten, die unter unseren Decken hervorkrochen und trotzdem hatten wir nicht genug geschlafen. Um 9:30 Uhr wartete schon seit langer Zeit ein deftiges Frühstück auf uns. Etwas gestärkt machten wir uns mit unserem Guide in den Dschungel auf, um die Reisfelder der Iban zu sehen, aber tausende Mücken schlugen uns in die Flucht. Auf diesen kleinen Spaziergang, aber auch auf andere Dinge, die im Programm vorgesehen waren, mussten wir wirklich  bestehen. Wir warteten nun darauf, Reis und Hähnchen zu probieren, spektakulär zubereitete auf die traditionelle Art in Bambus überm Feuer. Leider war auch dieses potentielle Highlight nicht die Aufregung wert gewesen.

Our Iban host preparing the Bamboo MealRice and chicken cooked in bamboo

Gegen Mittag verabschiedeten wir uns von den Familien und bevor wir auf die Boote stiegen gab uns noch einer von ihnen eine kurze Vorstellung der Blow-Pipe, einem Blasrohr, welches die Iban früher mit giftigen Pfeilen zur Jagt nutzten. Und dann ging es wieder zurück nach Kuching. Zuerst mit dem Boot, dann alleine mit dem Siebensitzer, und einem Fahrer-Guide-Koch, der nicht viel sprach (außer, wenn er über die Malaien lästerte).

Blow pipe demonstration

Im Nachhinein müssen wir sagen, dass der ganze Ausflug ziemlich insiniert wirkte, abgesehen von den Momenten, in denen die Iban das Gawai Dayak feierten, und das Preis-Leistungs-Verhältnis war miserabel. Sicherlich ist es oft nicht leicht, Tourismus und Tradition zu vereinen, aber vielleicht gibt es doch noch bessere Möglichkeiten Iban-Familien oder andere Ethnien wirklich kennenzulernen. Nichts desto trotz, wir haben uns nett Amüsiert und Maria hat jetzt weniger Angst geköpft zu werden.

 

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One Response to “Ein Wochenende mit Kopfjägern, den Iban”

  1. Mia and me sagt:

    Also ich finde das sehr interessant, deswegen werde ich es für mein Referat benutzen 😀 HAHAHAHA SCHERZ: (Ich weiß, dass war unnötig)

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