Auf meiner Reise durch Indien hatte ich nie wirklich das Gefühl, dass die Inder glücklich leben. Die Menschen lachen wenig und selbst die Kinder haben selten dieses kindertypische glänzende Licht absoluter Lebensfreude in ihren Augen. Ihr Blick ist stark und hart. All das gilt auch in Familien, die genug Geld für ein gutes Leben haben. Besonders die Frauen sind zurückhaltend und ernst, was absolut verständlich ist. In ihrer Gesellschaft müssen sie einen mehr oder weniger unbekannten Mann heiraten, ihre Eltern und Geschwister verlassen und mit ihrem Ehemann in seiner Familie leben. Im Gegensatz zur westlichen Welt, ist es in Indien ein soziales verbrechen, wenn ein verheirateter Mann nicht bei seinen Eltern lebt (nur der Beruf kann heutzutage eine Ausnahme rechtfertigen). Wir würden so etwas ein Muttersöhnchen nennen. Oft kommt es vor, dass sich die Ehefrau nicht mit der Schwiegermutter versteht, aber, selbstverständlich, hat letztere das Sagen im Haushalt. Erst, wenn die Frau ein Kind – und besonders einen Sohn – bekommt, steigt ihre Stellung in der Familie.

Ein Mädchen zu haben ist häufig eine große Last für eine arme Familie. Die Familie der Frau muss eine Mitgift an den Ehemann zahlen und je besser dieser ausgebildet oder je höher seine soziale Stellung (bzw. seine Kaste) ist, desto teurer wird es, die Hochzeit zu arrangieren. Eine Tochter zu haben kann somit den Ruin einer Familie bedeuten. Eltern, die nur Töchter haben müssen zusehen, wie diese in die die Familien ihrer Männer ziehen und verlieren dabei auch noch viel Geld. Und wenn sie dann alt sind, wer wird sie dann pflegen und finanzieren? Das ist eine schlimme Situation und ihr Wohl hängt letztlich nur vom guten Willen des Schwiegersohnes ab.

Abtreibung (aus Gesundheitlichen Gründen) ist in Indien legal, das feststellen des Geschlechtes des Babys allerdings nicht. Aber, so wie in Deutschland jeder Arzt schnell Beruhigungs- oder Aufputschmittel verschreibt, weil der Druck bei der Arbeit so groß ist, versteht jeder Arzt in Indien, dass arme Eltern oft keine Mädchen bekommen wollen. Daher gibt es eine Art Geheimsprache: „Es ist schönes Wetter heute“ bedeutet z.B. dass das Kind ein Sohn wird.

Früher mussten jungen Mütter ihre neugeborenen Mädchen, wenn die Familie sich keine weitere Tochter leisten konnte, einer Heilerin anvertrauen, die diesen „versehentlich“ ein falsches Heilmittel gegeben hat. Ebenfalls früher wurden junge Ehefrauen, wenn ihre Familien die versprochene Mitgift nicht zahlen konnten, zum Teil misshandelt und entstellt, oder schlimmer noch, von der Schwiegerfamilie getötet. Vermutlich gibt es auch heute noch solche Fälle, allerdings versucht die Regierung streng dagegen vorzugehen. So kann heute jeder (auch ein Nachbar zum Beispiel) Gewalt gegen Frauen in der Familie anzeigen, das System der Mitgift ist (theoretisch) verboten und wenn eine Ehefrau in den ersten 10 Jahren ihrer Ehe stirbt, wird ein solcher Fall stets genau untersucht (das die Polizei in Indien käuflich ist, ist ein anderes Thema).

Das Kastensystem ist, obwohl die Regierung es per Gesetz verboten hat, sehr stark in der Gesellschaft verankert. Raj, ein wohlhabender Inder aus Madurai, ist der Meinung, dass sich das in den nächsten Generationen ändern wird. So sagt er, es ist in der Schule heutzutage sehr schlecht angesehen, jemanden nach seiner Kaste zu fragen und bei einem Vorstellungsgespräch ist es komplett verboten. Aber die meisten anderen, mit denen Björn gesprochen hat – die meisten Inder haben, besonders im Zug, nur mit ihm, dem Mann, gesprochen und mich ignoriert und oft nicht einmal begrüßt, ein Zeichen von Respekt oder von Verachtung? – waren eher der Meinung, dass sich sich das Kastensystem nicht so schnell ändern wird.

Ich denke, vor allem für die Wahl der Arbeit wird das System liberaler, aber nicht, was das Heiraten angeht. Egal ob reich oder arm, alle sagen, sie würden niemals jemanden gegen den Willen ihrer Eltern heiraten. Ob das zukünftige Ehepaar zusammen passt, kann dabei auch das Horoskop verraten. Und die Liebe kommt mit der Zeit… Selbst eine moderne, in Kanada lebende Inderin, deren Eltern eine Zeitlang in England gelebt haben, hat uns anvertraut, dass sie nur einen Inder aus ihrer Kaste heiraten kann, der ihren Eltern gefällt. Aus Respekt vor ihren Wünschen.

Wir sind also weit entfernt von den Bollywood Filmen. Ich habe nie ein Land gesehen, in dem Realität und Fiktion so unendlich weit voneinander entfernt sind. Man sieht andauernd Frauen, die halbnackt tanzen (besonders auf MTV India). In Indien würde keine Frau jemals ihre Schulter in der Öffentlichkeit entblößen. Wenn sie einen Sari tragen sieht man zwar ihren Bauch, aber der Nabel ist immer bedeckt. Bollywood-Filme sind voll von Romantik und Liebeshochzeiten. In der Gesellschaft findet man davon absolut nichts. Die Schlucht zwischen Realität und Fiktion besteht aber ebenso zwischen dem indischen Gesetz und der indischen Gesellschaft. Die Regierung versucht vieles, aber die Traditionen in Indien sind unvorstellbar fest verankert.

 

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4 Responses to “Ein Blick in die indische Gesellschaft”

  1. Thanks for this, well written and great view point

  2. Florii sagt:

    Sehr lehrreich !!:D

  3. Dennis sagt:

    ALLES GUTE BJÖRN NACHTRÄGLICH! :-*

  4. totoche sagt:

    c´est a se tirer des balles!! ces gens font pitie. finalement la seule bonne chose que je retiens de l inde c est le mango lassi!

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