Indische Zugerfahrungen

Nachdem wir von Hong-Kong aus nicht zurück nach China konnten, mussten wir mit dem Flieger nach Indien einreisen und haben uns dann dort fast ganz und gar auf das Schienennetz aus der englischen Kolonialzeit verlassen. Hier ein paar Leckerbissen und Anekdoten. Dass es in Indien mehr Zug erfahren als Zug fahren heißt, habe ich ja schon in dem Artikel Zug fahren in Indien angedeutet. Auch Antje Blinda von Spiegel Online fand einige unserer Geschichten so besonders, dass Sie uns ein paar Seiten in Ihrem neuen Buch „Sorry wir haben uns verfahren“ gewidmet hat.

Erleuchtung im Indien-Express

Der Indien-Express

Ein Mitfahrer hat mich auf der Fahrt nach Agra 20 Minuten vor der Ankunft aus dem Nichts heraus bei den Händen gefasst, mir in die Augen geschaut und gesagt: „Ich werde dir jetzt etwas über Indien beibringen. Schließe deine Augen und leg deine rechte Hand auf deinen Kopf.“ Nach einer Blitzeinweisung sollte ich mich so mit der „Quelle“ verbinden, mit Brahman dem höchsten Gott des Hinduismus. Ich bin nicht wirklich religiös, aber ich versuche gerne Neues. Für 10 Minuten habe ich dann still dagesessen, die Augen geschlossen, und meditiert. Das gesamte Abteil schien den Atem anzuhalten und mich zu beobachten. Als ich die Augen wieder öffnete… war alles wie vorher. Nur habe ich seit diesem Tag angefangen zu meditieren.

Dies war sicher eine der positivsten Erfahrungen, die ich in Indien gemacht habe. Aber auch andere Zugfahrten waren bemerkenswert.

Das Heilige Buch

Wir warten mit Indern auf den Zug

Beim Warten auf den Zug saßen wir malwieder auf dem Boden. Als wir mit dem Schmökern im Reiseführer fertig waren und unser Abendbrot aßen, sprach uns ein junger Mann an. Sicher nicht älter als 23 Jahre, aber mit einer Ruhe und Selbstsicherheit, die eigentlich den Alten und Weisen vorbehalten sein sollte. Wir unterhielten uns eine Weile bis er sagte: „Ihr solltet euer Buch nicht auf dem Boden liegen lassen. Das ist sehr schlecht angesehen.“ „Wieso?“, fragen wir. „Das ist nur ein Reiseführer, kein heiliges Buch.“ „Bei uns“, sagt er „ist jedes Buch heilig. Die Gedanken, die ein Mensch wichtig genug fand, um sie aufzuschreiben, sind etwas Besonderes. Das geschriebene Wort ist wertvoll.“

Schlafen in Begleitung

Schlafen im Zug in Indien

In welcher Nacht, in welchem Zug, auf welcher Strecke es war? Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht mehr. Ich weiß nur, dass wir spät zugestiegen sind, so gegen 1 Uhr vielleicht. Wir können noch nicht lange in Indien gewesen sein: wir waren noch rücksichtsvoll. Auf unseren Betten lagen schon Gestalten. Ist ja kein Problem, wir wussten immerhin schon, dass es in jedem Nachtzug Fahrgäste gibt, die nicht das Glück eines Schlafplatzes haben. Also haben wir leise und vorsichtig die Beine geschüttelt, die aus den kurzen Matratzen hervorragten. Keine Reaktion. Wir wurden etwas lauter und etwas nachdrücklicher. Keine Reaktion. Okay, die Inder sind nicht sonderlich empfindlich, also richtig ruppig und ordentlich laut. Keine Reaktion. Da kommt uns ein älterer Mann zur Hilfe. Er rüttelt und schüttelt die beiden wach. „Lasst euch nichts gefallen. Die sind nicht nett!“.  Nun gut, wach sind sie, aber uns unseren Schlafplatz geben, das wollen sie immer noch nicht. Irgendwie kommen wir dann doch auf unser Bett, legen uns hin und versuchen zu schlafen. Leider haben die beiden geweckten ihrerseits nun keine Lust mehr zu schlafen. Stattdessen reden sie lauthals mit Ihren Freunden, hören Musik und… setzen sich auf mein Bett, und damit auch auf meine Beine. Und als Antwort auf mein Meckern gibt es nur ausgelassenes Lachen. Als sie irgendwann – irgendwann – doch müde werden, schlafen sie zu zweit auf dem Boden zwischen unseren Betten ein.

Inder und Alkohol?

Inder fahren mit dem Zug nach Goa

Auf unserem Weg von Mumbai nach Goa waren wir in der Begleitung von fünf indischen Studenten, die dem stressigen Alltag der Großstadt entfliehen wollten. Wir sprachen über alles Mögliche: über Frauen, verlegenes Lachen – noch nicht vergeben; über Alkohol, nein sie trinken nicht; über ihr Studium, ihre Pläne über unsere Reise… Sie waren irgendwie beeindruckt, fast eingeschüchtert von uns Ausländern. Aber mit der Zeit – und davon hat man genug im Zug in Indien – wurden sie entspannter. Schließlich erklärten Sie uns ganz freudig, dass Goa der Staat in Indien ist, in dem die Alkoholsteuer am niedrigsten ist. „Achso, ihr trinkt also doch Alkohol?“. Als Antwort gab es wieder nur verlegenes Lachen und schüchternes auf den Boden schauen. Nach den Frauen haben wir dann nicht noch einmal nachgefragt…




Indien, ein anderer Planet!

Hier unser letzter Artikel über Indien soweit. Wir müssen auch irgendwann mal über die anderen Länder berichten, in denen wir jetzt schon waren.

Man könnte wirklich ein Leben damit verbringen, über dieses Land zu berichten, das Land der großartigen Küche, der schönsten Orte und des schlimmsten Drecks.

Church in GoaDisgusting

Indien werden wir lange nicht vergessen. Es hat uns vom ersten bis zum letzten Moment erstaunt, schockiert, geekelt, fasziniert, tief bewegt, und zornig gemacht. Wir hatten oft Lust alle Leute um uns herum zu schlagen. Ihr habt jetzt schon positive und negative Artikel über Indien von uns gelesen und fragt euch sicher, ob es uns nun gefallen hat oder nicht und ob wir es als Reiseland empfehlen können.

Ganz ehrlich, die Antwort ist extrem schwierig. Indien hat zwar immer wieder unsere Nerven strapaziert, aber wir bereuen es nicht, dort gewesen zu sein.

In Indien sieht man Dinge die es nirgendwo sonst auf der Welt gibt. Man trifft Menschen mit Ideen und Gedanken, die so weit von unseren entfernt sind, dass wir nicht einmal ansatzweise versuchen konnten sie zu verstehen. Indien ist ein anderer Planet.

Wir sind insgesamt 7 Wochen über 7000 km auf dem Landweg durch Indien gereist. Hier eine kleine Übersicht der von uns besuchten Orten:

Der Norden mit Delhi, Agra, Varanasi, Kalkutta und der Region Rajastan (Bundi, Udaipur, Jaipur).

Royal gaitor, Jaipur, north India

Hier war das Reisen am anstrengendsten. Hier werden die Touristen nie in Ruhe gelassen. Immer wieder hört man die gleichen Locksprüche: „You like, you buy. Don’t like, don’t buy.“ Manchmal zeigt dir auch, wenn Du nach etwas bestimmten auf der Suche bist, jemand netterweise den Weg (ohne dass er weiß wo du hin willst) „This way!“ und schon bist Du in den Fängen eines Verkäufers gelandet, der dich zu sich einlädt: „Come in my Shop, my friend“. Oder auf der Straße, wenn man mal wieder einem Rikscha-Fahrer nein gesagt hat, hört man regelmäßig als nächstes: „Haschisch? 12 hour, full power, no shower.“

Cows on Indian streets

Die meisten Städte im Norden waren sehr dreckig, die Straßen schmal und ohne Bürgersteig, so dass man sich mitten auf der Straße zwischen Rikschas, Motorräder Autos und Kühen einen weg erkämpfen muss. Dabei kann man sich gar nicht wirklich auf den Verkehr konzentrieren, da man wie in einem Videospiel, den Kuhfladen und dem Müll ausweichen muss. Die Einheimischen tragen aber, egal bei welchem Schmutz und bei welchem Wette, immer Flip-Flops. Wir jedoch waren sehr froh um unsere anti-Dreck-Wanderstiefel. Apropos anti-Dreck, es gibt zwar selten Mülleimer, aber die heiligen Kühe sorgen etwas für Müllentsorgung, da sie alles mögliche wie Plastik, Pappe oder Blumenketten, die den Bus dekorieren, verschlingen. Und wo es keine Kühe gibt gibt es sicher Hunde, Schweine und Ziegen.

Cow eating garbage

Das Zentrum wo wir im Kanha National Park auf einer Safari Tiger, und in Mumbai einen Bollywood auf Hindi gesehen haben.

Mumbai

Mumbai war erstaunlich hübsch und angenehm sauber im Vergleich zum Norden. Viel empfehlenswerter als zum Beispiel Delhi.

Der Süden mit seinen Stränden in Goa, den ruhigen Backwaters in Kerala und den einzigartigen Tempeln in Tamil Nadu.

Scenery in Goa

Kerala Backwaters, south India

Er bietet viel schönere Landschaften und entspanntere Menschen. So ist der Süden deutlich einfacher und angenehmer zu bereisen. Und die grandiose Naturschönheit Goa, mit entlosen Palmenwäldern, tropischen Temperaturen und wunderschönen Sandstränden, war der einzige Ort in Indien, der uns an Urlaub erinnert hat.

All die langen Strecken haben wir fast ausschließlich mit dem Zug in Schlafwaggons dritter Klasse bewältigt. Hier kann man neben interessanten Menschen, auch immer wieder auf Dreck, Mäuse und unzählige Kakerlaken treffen. Die Leute haben sich angewöhnt, ihren Müll entweder aus dem Fenster oder auf den Boden zu werfen.

Die Züge sind oft mehr als ausgebucht, so dass man lange im Voraus reservieren sollte, ansonsten kann es passieren, dass man auf dem Boden die Nachtruhe suchen muss. Wer will kann sich aber auch, wie die Einheimischen, auf die Gepäckablage legen. Und selbst wenn Du den Luxus einer eigenen Liege hast, setzt sich gern mal ein Inder auf deine Beine. Und gib acht beim auf Toilette gehen, dass Du nicht auf ein paar auf dem Boden schlafende Inder trittst. Und wer im Nachtbus neben einem Inder sitzt, sollte sich nicht wundern, dessen Kopf gemütlich an der eigenen Schulter angelehnt wieder zu finden. Und wie sehr Du dich auch bewegst und mit der Schulter zuckst, Du wirst die ganze Nacht bequemer sein als das Fenster. Die Inder haben eben keine Berührungsangst.

In a train

2 people sharing a bed

Na ja, sonst gibt es eine Million weitere Anekdoten zu erzählen. Allein die Betrügereien, denen man jeden Tag begegnet, wären einen eigenen Artikel wert. Hier nur eine kurze: in Delhi in einem mittelklasse Restaurant, hat man uns eine Karte auf englisch gegeben. Es war eine richtige, farbig gedruckte und laminierte Karte. Die indischen Touristen neben uns am Tisch hatten die selbe Karte, auch auf englisch, nur… mit deutlich niedrigeren Preisen. Als wir dem Kellner gesagt haben, dass er uns „versehentlich“ eine „falsche“ Karte gegeben hat, konnte er uns lächelnd ins Gesicht lügen, dass es unterschiedliche Karten für Mittag und Abendessen gibt. Von wegen! Wir mussten kämpfen, um die echten Preise zu zahlen. So geht es jeden Tag, jede Minute fast. Selbst, wenn man Wasser in geschlossenen, abgepackten Mineralwasserflaschen kauft, kann man sich nicht sicher sein, dass man nicht giftiges Flusswasser kauft. Maria lag einmal vom „Mineralwasser“ trinken zwei Tage mit Fieber im Bett. Ach ja und auch wenn die Preise auf einer Tafel stehen, versuchen manche Verkäufer trotzdem mehr von uns zu verlangen, als könnten wir nicht lesen. Sie haben uns oft wie Idioten behandelt. Man könnte manchmal meinen, dass sie die „Weißen“ hassen.

Natürlich gibt es auch jede Menge zu erzählen über die Inder selbst und ihre, für uns manchmal unlogische, Verhaltensweisen, wie z.B. ihre Vorstellung von Hygiene. So bevorzugen es die Inder oft auf dem Boden zu sitzen anstatt auf Bänken. Selbst im dreckigen Bahnhof, wo ein Beamter immer wieder die Menschen vom Boden verjagen musste, haben sich viele geweigert die freien Sitzplätze zu nutzen.

a lot of people waiting for the train on the floor

Und wenn man den Indern eine einfach Ja-Nein frage stellt bekommt man mit hoher Wahrscheinlichkeit ein zweideutiges „Kopfwackeln“ als Antwort. Die Bewegung, wie ein liegende Acht, ist weder ein Nein noch ein Ja, aber auch kein Vielleicht. Selbst für die Inder ist diese Antwort oft ein Rätselraten. Es kann tatsächlich „Ja“, „Nein“, „Vielleicht“, „Weiß nicht“, „Interessiert mich nicht“ oder „Nerv mich nicht mehr“ heißen. „Ist der Platz jetzt also frei oder nicht???

Aber, anyway, mit der Zeit und etwas Abstand, lacht man darüber statt sich, wie damals, zu ärgern. Wir haben versucht die Inder und ihr Land zu verstehen aber ohne Erfolg. Vielleicht muss man Jahre dort verbringen, um die Kultur und Mentalität ein wenig zu durchschauen, noch ohne sie zu verstehen. Aber, als kleiner Trost, auch die Inder verstehen uns nicht. Wenn wir sagen, dass wir Rindfleisch essen, gucken sie uns an wie Kinderschänder. Oder dass wir noch keine Kinder haben. Da wollte jemand Björn gleich einen guten Doktor empfehlen. Auch wir, als wir in diesem riesigen Land waren, hatten den Eindruck, es gibt nur Indien und kein Welt außerhalb. So fühlen sicher auch die meisten Inder, die vermutlich noch nie ihr Land, oder ihre Stadt verlassen haben. In Indien ist man jeden Moment mit all den Menschen und Eindrücken beschäftigt. Das erfordert deine komplette Aufmerksamkeit, benebelt dich und täuscht deine Sinne.

Aber Indien macht auch stärker. Es fördert einige Charaktereigenschaften, auf die man beim Reisen danach und auch im weiteren Leben immer wieder zurückgreifen wird. Es macht es geduldiger, härter im nehmen und man lernt, vieles zu akzeptieren.

Um die Frage vom Anfang zu beantworten: wir würden Indien nicht als Urlaubsland empfehlen (mit Ausnahme von Goa), aber als Reiseziel zum entdecken einer völlig anderen Welt und um unvergesslichen Erfahrungen zu sammeln. Aber achtung Indien ist ehrlich nichts für Sensibelchen oder Pingelige.




Ein Tag in Ammas Ashram

Ein Ashram ist ein klosterähnlicher Ort der Mediation in Indien, in dem Schüler den Lehren ihres Gurus folgen. Wir waren für einen Tag im Mata Amritanandamayi Ashram bei Amma, einer der wenigen weiblichen Gurus Indiens. Amma bedeutet Mutter und sie ist bekannt als die umarmende Mutter, weil sie die Menschen mit einer Umarmung segnet. Sie macht regelmäßig Umarmungszeremonien, die ganze Nächte andauern. So hat sie in ihrem Leben schon mehr als 30 Millionen Menschen gesegnet.

Wir kamen aus der Wildnis des indischen Alltags nach Amritapuri und waren geschockt von der Harmonie, die wir fanden. Die Menschen sind freundlich, rücksichtsvoll und halten sich an die zahlreichen Regeln, die im Ashram herrschen.

Das Ashram liegt in der malerischen Landschaft der Backwaters im Staat Kerala im Süden Indiens. Entlang der Backwaters gibt es nur einzelne, kleine Häuschen und Siedlungen. Das Ashram sticht auch hier aus seiner Umgebung hervor. Es ist ein Komplex aus fünf 11-stöckigen Wohnblöcken, die um einen Tempel angeordnet sind. Diese Hochhäuser passen so gar nicht zu den einfachen hübschen Unterkünften der anderen Bewohner der Backwaters.

Scenery around Ammas Ashram Buildings of Ammas Ashram in Kerala

Aber es ist funktional und nötig, für die über dreitausend Bewohner, die von überall aus der Welt kommen um hier zu studieren und zu meditieren. Das Zusammenleben all dieser Menschen muss natürlich organisiert werden und vieles beruht auf der freiwilliger Mithilfe eines jeden. Wenn man so durch das Ashram schlendert, kann es leicht passieren, dass man gefragt wird, ob man mal eben helfen kann die neusten Flyer irgendwo hin zu tragen oder ähnliches. Es gibt auch ein Büro, in dem man sich immer für den nächsten Tag eintragen kann, wo man helfen wird (im Cafe, beim Wäsche waschen, beim Müll sortieren etc. was eben so anfällt)

Ich hatte mich sehr auf unseren kleinen Zwischenstopp gefreut: Meditation, spirituelle Stimmung, Zeit und die richtige Umgebung zum Denken, dass schien mir eine gute Sache zu sein.

Aber als wir im Ashram ankamen, hatte ich schnell das Gefühl am falschen Ort zu sein. Insgesamt herrschte mir in dem Ashram eine zu heilige Stimmung. Wenn ich in die Augen der zahlreichen, ganz in weiß gekleideten, Ausländer geschaut habe, hatte ich den Eindruck, dass sie alle durch das Leben in dem behüteten Ashram, in dem alle nett und freundlich sind, weich und schwach geworden sind. Ich hatte den Eindruck, dass sie außerhalb des Ashrams nicht mehr lange überleben würden. Am Eingang gab es beispielsweise ein Schild, dass die Ashram-Bewohner gewarnt hat, das Ashram nicht zu lange zu verlassen, oder draußen zu essen, da das Ashram nicht dafür garantieren kann, dass die Menschen außerhalb es immer gut mit einem meinen. Und so ist es wohl nicht verwunderlich, dass die meisten Dauerbewohner des Ashrams recht Weltfremd wirkten.

Also blieben wir nur für einen Tag bei Amma, nahmen an einer Meditation und einer Lesung teil, aßen das einfache Essen der Ashram-Bewohner und ließen uns von Amma umarmen.

Sign with Amma, in front of her Ashram

Praktische Informationen:

Wir kamen mit dem Boot durch die herrlichen Backwaters von Alleppey nach Amritapuri und fuhren danach weiter nach Kollam Die Bootsfahrten kosteten 200 Rupies bzw. 100 Rupies (= 3,30 bzw 1,70 Euro) und dauerten fünf bzw. drei Stunden. Das Einchecken im Ashram ist ganz einfach. Alles ist organisiert wie in einem Hotel oder einer Jugendherberge. Für 150 Rupies (=2,50 Euro) bekommt man ein Bett und drei sehr einfache Mahlzeiten. Paare bekommen nach Möglichkeit ein eigenes Zimmer, ansonsten wird man nach Geschlecht auf Gemeinschaftszimmer verteilt.

Der Internetauftritt von Amma auf deutsch hat viele Infos.




Ein Blick in die indische Gesellschaft

Auf meiner Reise durch Indien hatte ich nie wirklich das Gefühl, dass die Inder glücklich leben. Die Menschen lachen wenig und selbst die Kinder haben selten dieses kindertypische glänzende Licht absoluter Lebensfreude in ihren Augen. Ihr Blick ist stark und hart. All das gilt auch in Familien, die genug Geld für ein gutes Leben haben. Besonders die Frauen sind zurückhaltend und ernst, was absolut verständlich ist. In ihrer Gesellschaft müssen sie einen mehr oder weniger unbekannten Mann heiraten, ihre Eltern und Geschwister verlassen und mit ihrem Ehemann in seiner Familie leben. Im Gegensatz zur westlichen Welt, ist es in Indien ein soziales verbrechen, wenn ein verheirateter Mann nicht bei seinen Eltern lebt (nur der Beruf kann heutzutage eine Ausnahme rechtfertigen). Wir würden so etwas ein Muttersöhnchen nennen. Oft kommt es vor, dass sich die Ehefrau nicht mit der Schwiegermutter versteht, aber, selbstverständlich, hat letztere das Sagen im Haushalt. Erst, wenn die Frau ein Kind – und besonders einen Sohn – bekommt, steigt ihre Stellung in der Familie.

Ein Mädchen zu haben ist häufig eine große Last für eine arme Familie. Die Familie der Frau muss eine Mitgift an den Ehemann zahlen und je besser dieser ausgebildet oder je höher seine soziale Stellung (bzw. seine Kaste) ist, desto teurer wird es, die Hochzeit zu arrangieren. Eine Tochter zu haben kann somit den Ruin einer Familie bedeuten. Eltern, die nur Töchter haben müssen zusehen, wie diese in die die Familien ihrer Männer ziehen und verlieren dabei auch noch viel Geld. Und wenn sie dann alt sind, wer wird sie dann pflegen und finanzieren? Das ist eine schlimme Situation und ihr Wohl hängt letztlich nur vom guten Willen des Schwiegersohnes ab.

Abtreibung (aus Gesundheitlichen Gründen) ist in Indien legal, das feststellen des Geschlechtes des Babys allerdings nicht. Aber, so wie in Deutschland jeder Arzt schnell Beruhigungs- oder Aufputschmittel verschreibt, weil der Druck bei der Arbeit so groß ist, versteht jeder Arzt in Indien, dass arme Eltern oft keine Mädchen bekommen wollen. Daher gibt es eine Art Geheimsprache: „Es ist schönes Wetter heute“ bedeutet z.B. dass das Kind ein Sohn wird.

Früher mussten jungen Mütter ihre neugeborenen Mädchen, wenn die Familie sich keine weitere Tochter leisten konnte, einer Heilerin anvertrauen, die diesen „versehentlich“ ein falsches Heilmittel gegeben hat. Ebenfalls früher wurden junge Ehefrauen, wenn ihre Familien die versprochene Mitgift nicht zahlen konnten, zum Teil misshandelt und entstellt, oder schlimmer noch, von der Schwiegerfamilie getötet. Vermutlich gibt es auch heute noch solche Fälle, allerdings versucht die Regierung streng dagegen vorzugehen. So kann heute jeder (auch ein Nachbar zum Beispiel) Gewalt gegen Frauen in der Familie anzeigen, das System der Mitgift ist (theoretisch) verboten und wenn eine Ehefrau in den ersten 10 Jahren ihrer Ehe stirbt, wird ein solcher Fall stets genau untersucht (das die Polizei in Indien käuflich ist, ist ein anderes Thema).

Das Kastensystem ist, obwohl die Regierung es per Gesetz verboten hat, sehr stark in der Gesellschaft verankert. Raj, ein wohlhabender Inder aus Madurai, ist der Meinung, dass sich das in den nächsten Generationen ändern wird. So sagt er, es ist in der Schule heutzutage sehr schlecht angesehen, jemanden nach seiner Kaste zu fragen und bei einem Vorstellungsgespräch ist es komplett verboten. Aber die meisten anderen, mit denen Björn gesprochen hat – die meisten Inder haben, besonders im Zug, nur mit ihm, dem Mann, gesprochen und mich ignoriert und oft nicht einmal begrüßt, ein Zeichen von Respekt oder von Verachtung? – waren eher der Meinung, dass sich sich das Kastensystem nicht so schnell ändern wird.

Ich denke, vor allem für die Wahl der Arbeit wird das System liberaler, aber nicht, was das Heiraten angeht. Egal ob reich oder arm, alle sagen, sie würden niemals jemanden gegen den Willen ihrer Eltern heiraten. Ob das zukünftige Ehepaar zusammen passt, kann dabei auch das Horoskop verraten. Und die Liebe kommt mit der Zeit… Selbst eine moderne, in Kanada lebende Inderin, deren Eltern eine Zeitlang in England gelebt haben, hat uns anvertraut, dass sie nur einen Inder aus ihrer Kaste heiraten kann, der ihren Eltern gefällt. Aus Respekt vor ihren Wünschen.

Wir sind also weit entfernt von den Bollywood Filmen. Ich habe nie ein Land gesehen, in dem Realität und Fiktion so unendlich weit voneinander entfernt sind. Man sieht andauernd Frauen, die halbnackt tanzen (besonders auf MTV India). In Indien würde keine Frau jemals ihre Schulter in der Öffentlichkeit entblößen. Wenn sie einen Sari tragen sieht man zwar ihren Bauch, aber der Nabel ist immer bedeckt. Bollywood-Filme sind voll von Romantik und Liebeshochzeiten. In der Gesellschaft findet man davon absolut nichts. Die Schlucht zwischen Realität und Fiktion besteht aber ebenso zwischen dem indischen Gesetz und der indischen Gesellschaft. Die Regierung versucht vieles, aber die Traditionen in Indien sind unvorstellbar fest verankert.




Hähnchen Curry aus Indien

In Udaipur haben wir einen Kochkurs gemacht und mit G2, bei dem wir im Guesthouse gelebt haben, ein Chicken Curry zubereitet. Das Rezept ist eines der beliebtesten in Indien und vermutlich haben wir an diesem Abend das beste Hähnchen unseres Lebens gegessen!

Da wir so unglaublich großzügig sind geben wir euch unser Geheimwissen weiter. Gebt uns Rückmeldung, ob es geklappt hat (wenn nicht ist es natürlich nicht unsere Schuld!):

Zutaten:

1e kleine Knolle Knoblauch

8 kleine rote Zwiebeln

3 cm Ingwer

Leitungswasser

2 EL Öl

halbe Stange Zimt

8 Körner schwarzer Pfeffer

1 frisch geschlachtetes Hähnchen

Currymischung:

1,5 ELChillipulver

2,5 EL Korianderpulver

1/4 EL Tagameg (ich weiß selber nicht was das genau ist, oder ob ich es richtig geschrieben habe. G2 hat es uns nur gesagt. Er kann englisch weder lesen noch schreiben. Also sucht beim Fachinder danach oder lasst es halt weg.)

~1,5 EL Salz (nach belieben)

1 TL Fleisch Masala Puder

1 TL Garam Masala (danach solltet ihr schon suchen)

Wenn ihr das Curry nicht selber machen wollt, sondern das deutsche Fertig-Curry nehmt, seid ihr echt selber Schuld.

Die Basis vieler indischer Rezepte ist eine Paste. Für diese muss man zunächst die kleine Knolle Knoblauch schälen, 8 kleine rote Zwiebeln schälen, halbieren und in Scheiben schneiden (nicht aufgeben, der Rest wird netter) und 3 cm Ingwer grob schälen und in Scheiben schneiden.

Das Knoblauch, ein drittel der Zwiebeln und den Ingwer mit 1-2 Gläsern Wasser im Mixer pürieren, bis es eine schöne feste Paste gibt.

In einem Topf 2 Esslöffel Öl erhitzen und die halbe Zimtstange, 8 Körner schwarzer Pfeffer und den Rest der Zwiebeln unter Rühren rösten, bis die Zwiebeln braun sind. Die Currymischung und die Paste zufügen und bei hoher Flamme und unter ständigem Rühren kochen.

ca. 1/2 Liter Wasser in den Topf geben und etwa eine halbe Stunde köcheln lassen. Die Currysoße ist fertig, wenn das Öl an die Oberfläche kommt. In der Zeit könnt ihr schon mal mit dem Chapati-Teig anfangen.

Das frisch geschlachtete Huhn in den Topf geben, gelegentlich umdrehen und bei geschlossenem Deckel kochen lassen, bis das Fleisch gar ist. Bravo, das schwierigste habt ihr hinter euch.

Hier nun das Chapati-Rezept. Chapatis sind einfache dünne Fladenbrote, die in ganz Indien gegessen werden.

Chapati:

Zutaten (für 6 Chapatis)

Wasser

~1/2 Kg Mehl

1e Priese Salz

1-2 Glaeser Wasser in eine Schüssel geben. Dazu kommt ca. 1/2 Kg Mehl und eine Priese Salz. Den Teig gut kneten und je nach Konsistenz Wasser oder Mehl zugeben, bis der Teig etwas matschig ist. Dann kann man ihn zu einer Kugel formen und lässt ihn für ca. 30 Minuten liegen.

Nach dem ruhen wird der Teig erneut geknetet, solange, bis er nicht mehr feucht ist.  Man nimmt 1/6 vom Teig, bestreut ihn mit etwas Mehl und formt ihn zu einer flachen Kugel. Diese wird auf ca. 10 cm ausgerollt, so dass sie schön gleichmäßig dick ist. Der Fladen wird dann ganz dünn auf 15-20 cm vergrößert. Dabei muss man aufpassen, dass der Teig nicht reißt.

Eine Pfanne ohne Öl erhitzen und den dünnen Chapati-Fladen ca, 1 Sek anbraten, dann umdrehen und braten, bis beide Seiten braune Stellen haben und das Chapati aufgeht. Die Kunst dabei ist den Moment zu treffen, an dem das Chapati schön braun ist, aber noch nirgendwo schwarz. Das fertige Chapati hat große Luftblasen. Diese lässt man am coolsten raus, indem man zwei gebratene Chapati gegeneinander drückt. Fertig ist das (hoffentlich leckere) Hähnchen Curry.

In Indien wird normalerweise ohne Besteck, direkt mit den Händen gegessen. Jeder bekommt eine Schüssel mit Chickencurry und dippt das Chapati in die dickflüssige Curry-Soße.

Auf die Art bekommt man das beste Indien-Feeling.

Guten Appetit und viel Spaß beim Essen wünschen euch

Maria und Björn




Varanasi, eine bedrückende Stadt, von Maria

*Achtung, der folgende Artikel ist nicht fuer sensible Personen zu empfehlen.*

Diese heilige Stadt, am Ufer des Ganges, war meine schwierigste Erfahrung in Indien. Für meinen Geschmack bin ich zu lange hier geblieben und das nur, weil wir keinen Zug in den Süden bekommen haben.

Der Tod ist in Varanasi allgegenwärtig, so dass ich mich vom ersten Moment an unwohl gefühlt habe. Um euch möglichst direkt an meinen Emotionen teil haben zu lassen, werde ich Teile meines Reisetagebuches (Texte in Anführungszeichen) aufschreiben.


Tag 0 – Die Ankunft in Varanasi

Wir sind mit dem Zug von Jaipur nach Varanasi gefahren. Nach einer unruhigen Nacht im Zug, mit einer Maus im Abteil, sind wir endlich in dieser heiligen und mythischen Stadt angekommen. Ich habe mich gefragt, wie es wohl sein würde dort zu sein, wo Tote verbrannt werden. Kann man sie sehen? Wie würde ich mich fühlen? Das hat mir ziemlich Angst gemacht, muss ich sagen.

“Unser Hotel, Shanti, ist in der Altstadt, direkt neben dem Hauptverbrennungs-Ghat: Manikarnika. Unser Zimmer ist im 7ten Stock, von wo aus ich den Ganges sehen kann: das Gegenüberliegende Ufer ist ein verlassener Sandstrand. Alles scheint ruhig und sauber. Auf unserer Seite nehme ich nur einen leichten Rauch wahr.”

Tag 1 – Die erste Verbrennung

“Nach dem Frühstück sind wir runter zu dem Ghat gegangen, an dem die Körper verbrannt werden. Zuerst sah man nur zwei brennende Holzhaufen, nicht viel grösser als ein Lagerfeuer. Wir konnten nicht mehr sehen und haben uns nicht getraut, näher ran zu gehen. Ein Typ hat uns das Gucken verboten und wollte Geld dafür haben. Bullshit.

Ein dritter Körper wurde auf einen kleineren Stapel Holz gelegt. Der Stoff, der ihn bedeckt fällt und man sieht seinen Kopf. Nur wenige Äste liegen auf seinem Körper und man sieht sehr genau seine Brust und seinen Kopf. Ich fühle mich schlecht und will mich hinsetzen, aber der Boden ist zu dreckig. Sein Gesicht wird ganz schwarz und scheint kleiner zu werden. Wir sind vor dem Ende der Verbrennung gegangen. Zum Glück war ich so weit weg. Fotografieren verboten. Wir waren unter Schock. Vielleicht war der Tote zu arm gewesen, um mehr Holz zu kaufen…

Wir sind an den Ghats entlang gelaufen und der Ganges sieht (von außen) nicht so schmutzig aus. Wie immer, jeder quatscht dich an und selbst mir als Frau hat man Opium angeboten: ‘Enjoy Varanasi’. Ansonsten sieht man überall Masseure, Männer in orange (=Sadhus, heilige Männer),Hunde und Kühe, viele kleine Tempel und… zufälliger Weise Christoph. Ein deutscher, den wir schon in Delhi kennen gelernt hatten.

Wir sind zum Hotel zurück gegangen. Auf dem Weg habe ich eine schwimmende Kerze mit Blumen gekauft, für die Bootsfahrt am Abend auf dem Ganges.

Der Inder, der das Boot rudert,erzählt uns, dass das Verbrennen ca. 3 Stunden dauert. 5 Personengruppen werden nicht verbrannt: Kinder unter 10 Jahren, schwangere Frauen, die heiligen Sadhus, die, welche von einer Kobra gebissen wurden (Zeichen Shivas) und Leprakranke. All diese werden an einen großen Stein gebunden und ins Wasser geschmissen. Es kann passieren, dass das Seil reißt, der Körper auftaucht und ans andere Ufer geschwemmt wird. Dort ist es verlassen und keiner schafft die Körper weg, so dass sie letztlich von Tieren gefressen werden. Außerdem hat er gesagt, dass die Witwen früher ins Feuer springen mussten oder gestoßen wurden. Heute können sie angeblich wieder heiraten oder leben in Witwenhäusern. OH MEIN GOTT, DIESE ARMEN FRAUEN!”

Tag 2 – Das Schöne Varanasi

An diesem Tag haben wir die Bootstour vom Vorabend wieder gemacht, diesmal bei Sonnenaufgang und ich habe mir ein in Indien sehr nützliches T-Shirt gekauft, damit die Verkäufer mir weniger auf den Geist gehen.

“Am Abend haben wir eine Aarti am Dasaswanedhi-Ghat gesehen. Sie ist eine sehr schöne, allabendliche, religiöse Zeremonie in Ehre für den Ganges, für Shiva und für den Weltfrieden. Das ist die schöne Seite Varanasis.

Danach haben wir ein Betel-Blatt probiert, was nach Zahnpasta geschmeckt hat.

Auf dem Heimweg haben wir mit einem Inder gequatscht. Er wäscht sich jeden Morgen im Ganges, trinkt ein Glass seines Wassers, geht zum Tempel beten und verkauft am Nachmittag Holz für die Verbrennungen. 1 Kg billiges Holz kostet 4 Rupies und man braucht mindestens 300 Kg, maximal 460 Kg für einen Körper, aber die Armen können sich manchmal nur 150 Kg leisten.”

Tag 3 – Die andere Seite

“Ich war sehr neugierig die andere Seite des Ganges zu sehen. Leerer mysteriöser und makaberer Ort. Wir mussten heftig feilschen um dorthin zu gelangen. Schließlich hat ein alter Mann akzeptiert uns für 50 Rupies in seiner Barke rüber zu bringen.

Die erste Sache, die ich sah: ein Hund, der an etwas frisst, dass deutlich wie ein menschlicher Brustkorb aussieht. Oh mein Gott! Ich traue mich nicht wirklich näher zu kommen, um ein Foto zu machen. Ansonsten gibt es nichts zu sehen. Nur Müll. Bei jeder Kokosnuss habe ich Angst es wäre ein Schädel. Außerdem gibt es einen Ziegenkadaver. Wir haben die andere Seite nach 20 Minuten verlassen. Das letzte Bild: dieses mal 4-5 Hunde, die die Reste vom selben menschlichen Körper fressen. Scheiß Köter. Menschenfresser! Björn ist unter Schock. Das ist normal. Wieso lassen die Inder ihre Reinen und Heiligen von Hunden zerfleischen?”

Sowas zu wissen ist schlimm, das Gefühl, wenn man es gesehen hat ist nicht zu beschreiben.

Um wieder auf andere Gedanken zu kommen, haben wir ein Konzert in der German Bakery gehört. Diese gibt einen Teil ihres Umsatzes an die Armen Varanasis.

Tag 4 – Die zweite Verbrennung

“Am morgen hatten wir unsere erste Jogasitzung auf der Terrasse des Shanti. Das hat gut getan. Dann haben wir endlich unsere Zugtickets für Jabalpur gekauft. Zum Glück hat es geklappt. Im Internet war alles ausverkauft und wir dachten, wir würden für immer in dieser verdammten Stadt stecken bleiben.

Wir haben den goldenen Tempel besichtigt, aber viele Areale waren für nicht-Hindus verboten. Es gab starke Sicherheitsvorkehrungen. Björn wurde von einem Priester gesegnet.

Dann wollten wir an den Ghats entlang laufen, bis zu dem Assi-Ghat ganz im Süden. Auf dem Weg wurde unsere Aufmerksamkeit von dem zweiten Verbrennungs-Ghat, dem Harishchandra-Ghat abgelenkt. Hier konnten wir von nahem zusehen. Noch einmal ein Körper mit zu wenig Holz: man kann gut das Gesicht sehen. Zum Glück fängt es an dunkel zu werden, und man kann die Gesichtszüge nicht genauer erkennen. Niemand kümmert sich um den Toten oder sieht seiner Verbrennung zu. Weder ist er von einem schönen Tuch bedeckt noch wird er mit Ganges-Wasser gesegnet. Eine Touristin fällt sogar in Ohnmacht. Dann sehe ich einen Tropfen vom Schädel auf den Boden fallen. Es sieht aus, als wäre der Körper aus Wachs und würde zu schmelzen beginnen. Mit einer langen Bambus-Stange schiebt ein unberührbarer die abbrechenden Beine zurück ins Feuer. Das macht er so grob und ungenau, dass er es mehrmals wiederholen muss bevor es gelingt. In diesem Moment fallen der verkohlte Körper und Schädel auf den Boden und werden mit Mühe und gefühllosem Gesichtsausdruck zurück ins reinigende Feuer geschubst. Es ist unglaublich, wie leicht der menschliche Körper verbrennen kann. Nach ein paar Stunden keine Spur mehr und der nächste Körper kommt auf die Asche des vorherigen. Am Abend konnte ich mein Essen nur schwer verdauen. Kein Appetit.”

Tag 5 – Krank

“Heute ist Björn ziemlich krank. Durchfall und Fieber. Ich, meinerseits, habe eine trockene Kehle, bin heiser und huste. Manchmal ist es, als würde ich ersticken. Ich versuche durch die Nase zu atmen, aber es ist schwer. Es gibt zu viel Rauch. 24 Stunden am Tag werden direkt neben uns ein halbes dutzend Körper gleichzeitig verbrannt. Ich will diesen Ort so schnell wie möglich verlassen!”

Tag 6 – Abreise

Björn geht es besser. Ich huste viel, meine Nase läuft und ich fühle mich KO. Zum Glück haben wir an diesem Abend die Stadt mit dem – ziemlich katastrophalen – Zug verlassen.

Das war meine Erfahrung in Varanasi, beschrieben so, wie ich sie in diesen Tagen erlebt habe. Selbst heute, 1 1/2 Monate später, kann ich kein Lagerfeuer sehen ohne mich dabei schlecht zu fühlen.

Am nächsten Tag, Dienstag der 7.12.2010, ist eine Bombe in Varanasi, während der Aarti, die wir schon gesehen hatten und die Björn gerne nochmal besucht hätte, explodiert. Ein Kind ist gestorben und mehrere Touristen wurden verletzt. Ich bin sehr glücklich diesen verdammten Ort rechtzeitig verlassen zu haben.




Der weiße Elefant

*Wer der Französischen Sprache mächtig ist, sollte sich auch Marias Bericht anschauen. Dieses mal unterscheiden sich unsere Versionen sehr!*

Kennst Du die Geschichte vom weißen Elefanten? Nein? Ich erzähle sie dir gerne, wenn Du willst, aber ich stelle zwei Bedingungen:

1. Ganz egal, wie unwahrscheinlich sich manches anhören mag, Du musst mir glauben, dass es mir tatsächlich so passiert ist

2. Du bist nun Ich!

Du bist auf der Suche nach der Antwort. Schon lange quält es dich sie nicht zu kennen. Du bist frei und bestimmst selbst was Du tust und so machst Du dich auf den Weg sie zu finden – die Antwort. Du hast von einem Ort gehört. Die Leute sagen, er ist besonders. „Geh dort hin“ sagen sie “dort findest Du Antworten.“ Beim weißen Elefanten. Du zögerst nicht und machst dich auf die Suche. Der Weg ist nicht kurz und er ist nicht einfach, aber Du hast entschieden ihn zu gehen, um die Antwort zu finden. Endlich gelangst Du an einen Hügel und ein Äffchen kommt zu dir gesprungen und sagt: „Folge mir, mein Freund, Du willst den weißen Elefanten sehen. Ich zeige ihn dir. Heute ist es schon spät, aber morgen kannst Du ihn besuchen. Schlage diese Nacht hier dein Zelt auf, mein Freund, nirgendwo kannst Du den weißen Elefanten besser sehen, als von diesem Hügel.“ Also baust Du dein Zelt auf und schaust Dir den weißen Elefanten an, von dem die Leute sagen, dass er etwas besonderes ist.

Ja, er ist schon besonders, wie er da sitzt vor dem heiligen Fluss. „Warum sitzt er überhaupt da?“ fragst Du Dich und betrachtest den weißen Elefanten noch eine ganze Weile von Deinem Hügel aus. Aber leise und nur für Dich denkst Du, dass er eigentlich nur ein recht großer und ziemlich weißer Elefant ist. „Vielleicht denke ich nur, dass er besonders ist, weil alle sagen, dass er es ist!?“ schießt es dir durch den Kopf. Aber Du hast dass Gefühl, dass Du ihn besonders finden sollst, oder musst, weil halt alle ihn besonders finden.

Hinter dem weißen Elefanten zieht der heilige Fluss seine Bahnen und links und rechts neben ihm sitzen zwei Büffel, vermutlich, damit er nicht ganz so einsam ist. Vor dem weißen Elefanten steht ein großer Tiger, der den weißen Elefanten bewacht. Du fragst dich ob es wohl in Ordnung ist, wenn Du den Tiger mehr besonders findest als den weißen Elefanten. Sein Körper hat eine wundervolle Musterung und die roten und weißen Farben geben seinem Fell einen herrlichen Kontrast. Stark und eindrucksvoll sieht er aus, als könnte niemand ihm etwas anhaben.

Mit solcherlei Gedanken legst Du dich schlafen und fragst dich wieder, warum der weiße Elefant überhaupt hier ist. Morgen wirst Du jedenfalls zu ihm gehen. Du bist ja wegen der Antwort hier und vielleicht kennt der besonders weiße Elefant ja besonders gute Antworten.

Als Du früh am nächsten morgen aufwachst und frühstückst, schaust Du dir den weißen Elefanten an, von deinem Hügel aus. Im Licht der Morgensonne sieht er gar nicht mehr so ganz weiß aus, sondern schimmert eher in einem zarten rosa. Das ist nun doch etwas besonderes. Du freust dich und es wächst deine Hoffnung, dass der weiße Elefant dir die Antwort geben kann, die Du so lange schon suchst.

Nach dem Essen gehst Du den Hügel hinab zum weißen (und im Morgenlicht rosafarbenen) Elefanten. Zuerst musst Du den Tiger passieren um zum weißen Elefanten zu kommen. Der Tiger ist wachsam und er sorgt dafür, dass alles richtig von statten geht. Denn immerhin ist der weiße Elefant etwas besonderes und viele Menschen wollen ihn besuchen, so wie Du.

Als der Tiger dich durchgelassen hat, siehst Du den weißen Elefanten zum ersten mal im Ganzen. Er ist wundervoll. Eine strahlende Pracht im Licht des Tages. Du bist zutiefst beeindruckt. Von seiner Größe, seiner Reinheit, davon, dass er majestätisch und würdevoll da steht, aber zugleich so schlicht und bescheiden erscheint. Auf seinem Kopf trägt er eine weiße Krone. Er trägt sie wie ein ewiger König, doch ist sie so unauffällig, dass Du sie vorher nicht bemerkt hast. Langsam, ja fast bedächtig gehst Du auf ihn zu, ohne Hast. Du willst diesen Moment des Kennenlernens nicht zu schnell vergehen lassen, versuchst ihn zu konservieren. Und wieder musst Du gestehen, dass der weiße Elefant etwas ganz besonderes ist. Mit jedem Schritt den Du auf ihn zu gehst, entdeckst Du etwas neues an ihm. Jeder Schritt den Du tust ändert deine Sicht. Du siehst jetzt, dass seine Haut nicht glatt und weiß ist, sondern eine schattierte Struktur hat, die Du aus der Ferne nicht sehen konntest. Du bemerkst, dass um seine Augen ein dunkler und geheimnisvoller Schatten liegt. Beim nächsten Schritt wird dir bewusst, dass eine Schrift diesen Schatten malt. Du kannst sie nicht lesen, aber sie ist alt und voller Kunst. Du kommst näher und bemerkst Linien auf seiner Haut, die keine Falten sind, sondern Blumen, Formen und Symbole. Seine Beine gleichen Türme aus weißem Marmor, gespickt mit zarten Verzierungen. Noch näher siehst Du die weiße Krone und sie ist eine Lotus-Blüte. Wieder ein Schritt und dir wird bewusst, dass seine Stoßzähne nicht etwa schmucklos und eben sind, sondern perfekte Spiralen aus wundervollem Weiß. Seine großen Ohren, erkennst Du einige Meter weiter, sind umrahmt von phantastischen Zeichnungen. Dann gehst Du einen letzten Schritt auf ihn zu und kannst tief in seine Augen schauen. Sie sind von Grund auf gutmütig und selbst in ihnen kannst Du jetzt feine Motive entdecken.

Um den weißen Elefanten herum laufen viele Menschen, manche bedächtig wie Du, andere bewegen sich schneller, wieder andere gar hektisch. Es ist viel los um ihn herum, aber der weiße Elefant sitzt nur da und stört sich nicht daran. Er sieht aus, als würde er warten oder wachen. Aber auf was oder über wen? Und Du fragst: „Warum bist Du hier, weißer Elefant?“ Du hattest dich auf den Weg gemacht zum weißen Elefanten, um die Antwort zu finden, aber was war deine Frage gewesen? Was quälte dich schon seit langem nicht zu wissen? Du willst eine Antwort, aber Du kennst die Frage nicht, wird dir bewusst. Umso erstaunter bist Du, als Du dennoch eine Antwort bekommst. « Ich weis warum ich hier bin. Aber das ist nicht deine Frage! Was dich interessiert ist, warum Du hier bist » Du hast eine Antwort gesucht, und was Du bekommst ist eine Frage. Wie eine Welle durchflutet sie dich: „Warum bin ich hier?“ Ungläubig stellst Du dem weißen Elefanten deine neue Frage. Er schaut geduldig auf dich hinab, aber als er schweigt wird dir klar, dass er dich bereits bis ans Ufer geführt hat. Überwinden musst Du den Strom aus eigener Kraft. „Warum bin ich hier?“ Verwirrt wanderst Du um den weißen Elefanten herum. Du gehst auch zu den beiden Büffeln und noch einmal zu dem Tiger. Von weitem schaust Du ein letztes mal auf den weißen Elefanten. Er scheint nicht weiß zu sein, noch schimmert er rot, sondern glänzt nun gelblich. Er ist etwas sehr besonderes. Und dir wird etwas klar, die Erkenntnis durchströmt dich wie ein frischer Bach. Du bist hier, weil die Leute dir gesagt haben: „Geh dort hin“. Du bist nicht hier weil Du frei bist, Du bist hier, weil Du nicht frei bist. Du hast nicht entschieden den weißen Elefanten zu sehen, Du hattest nur die Wahl herzukommen oder nicht herzukommen. Aber das ist nicht schlimm. Du wolltest eine Antwort und hast eine Frage bekommen. Auch das ist nicht schlimm. Die Antwort auf die Frage, die Du vorher nicht kanntest, hast Du nun selber gefunden. Und Du hast den weißen Elefanten getroffen. Den weißen und besonderen Elefanten.

Es ist nicht schlimm gelegentlich unfrei zu sein, Du muss nur wissen, wenn Du es bist. Denn Du hast immer eine Wahl. Es ist nicht schlimm manchmal nicht weiter zu wissen, Du darfst nur nicht aufgeben, denn irgendwann kommt die Zeit der Erkenntnis, wenn Du danach suchst.

So ist es mit wiederfahren, so wird es dir wiederfahren.

Der weiße Elefant hat übrigens einen Namen: Taj Mahal




Zug fahren in Indien

Nachdem wir in Russland mit der Transsib sehr gute Erfahrungen gemacht haben und auch in China die Züge meist relativ ordentlich und vor allem leicht zu buchen waren (wenn man den Ort in Chinesischer Schrift vorliegen hatte), waren wir von den indischen Zügen nicht sehr überzeugt.Warten auf den Zug in Varanassi

Aber zunächst etwas zu den Klassen, die man buchen kann. In Zügen, die nur kurze Strecken fahren, gibt es häufig nur Sitzabteile. In diesen findet man drei Klassen: zwei Klassen mit reservierten Plätzen (eine mit Klimaanlage und eine ohne) und eine dritte Klasse ohne reservierte Plätze. Diese dritte Klasse kann extrem voll sein!

Zusätzlich dazu gibt es in den Über-Nacht-Zügen verschieden Schlafwagen. Die drei Klassen von klimatisierten Kabinen (AC1, AC2, AC3) mit 2 oder 4 Betten in einem abgeschlossenen Bett im Zug der Sleeper-ClassAbteil in der ersten Klasse (AC1), 5 oder 6 Betten in der zweiten Klasse (AC2) und 8 Betten in der dritten Klasse (AC3), bieten Bettbezüge und einen gewissen Komfort. Die Toiletten sind allerdings nicht unbedingt sauberer als im Rest vom Zug, da nur der Durchgang von den unreservierten Sitzplätzen zum Rest des Zuges gesperrt ist. Dazu gibt es eine vierte Klasse von Schlafwagen, das Sleeper-Abteil (SL). Der Unterschied zu AC3 besteht hauptsächlich darin, dass es anstelle einer Klimaanlage nur Ventilatoren gibt, dass man keine Bettlaken bekommt und die einzelnen Kabinen nicht durch Vorhänge abgetrennt werden können. Der Sleeper-Wagen ist der beliebteste bei den Indern (weil er wirklich billig ist) und nimmt den größten Teil des Zuges ein. Wir sind über Nacht immer Sleeper gefahren.

Es heißt, dass das indische Eisenbahnnetz, dass die Briten aufgebaut haben, eines der besten der Welt ist. Davon haben wir allerding nicht sehr viel gemerkt.

Die Reisezeiten sind häufig unglaublich unbequem. Ich habe zwar keine Ahnung, wie kompliziert es ist, so etwas zu planen, aber ich bin mir fast sicher dass es normalerweise nicht nötig ist eine über-Nacht-Fahrt zwischen zwei Großstädten um 2 Uhr morgens zu beginnen oder um 4 Uhr morgens zu beenden. Solche Fahrten sind meistens nicht sonderlich erholsam und der folgende Tag ist mehr oder weniger verloren.

Ausgebucht? Einfach zu zweit im Bett schlafen beim Zug fahren in Indien

Wenn's ausgebucht ist schlaeft man halt zu zweit auf einem Bett.

Die Züge in Indien sind die dreckigsten, die ich je gesehen habe und die unhygienischsten, die ich mir vorstellen kann. Die Betten sind zum Teil extrem dreckig. Sie kleben und selbst, wenn man sie ohne Wasser grob abwischt ist das Tuch danach schwarz. Zum Glück hatten wir unser Schlafsack-Inlett, so dass wenigstens unsere Kleidung einigermassen sauber bleiben konnte. Außerdem wird der Zug während langer Fahrten nicht gereinigt. Da es auch keine Mülleimer gibt (es wird alles aus dem Fenster geworfen und entsprechend sehen die Gleise meistens aus) landet eine gehörige Menge Müll und Essensreste auf dem Zug Boden. So kann man glauben, dass wir mehrmals gesehen haben, wie Mäuse auf dem Boden zwischen dem Gepäck umher flitzen. Noch öfter aber haben wir Kakerlaken im Zug gesehen. Manchmal vereinzelt, aber mehrmals auch ganze Nester süßer kleiner Kakerlakenbabys (in Begleitung ihrer größeren Brüder und ihrer Eltern), die bei Einbruch der Dunkelheit kommen, um sich die Überreste von Dosai und Biryani zu holen. Wenn man über Nacht fährt, ist es dabei nicht besonders erfreulich, wenn man schon gesehen hat, wie eine Kakerlake über das Bett eines schlafenden spaziert ist und wenn man Weiß, dass die Indischen Kakerlaken ihre natürliche Scheu vor Licht und Menschen abgelegt haben.

Zu guter Letzt ist es in Indien oft sehr schwierig einen Zug zu reservieren. Zwar gibt es mit cleartrip.com, seat61.com/India.htm und indianrail.gov.in mehrere Möglichkeiten sich die Zugverbindungen rauszusuchen, die Verfügbarkeit zu überprüfen und auch e-Tickets zu kaufen (indianrail.gov.in ist die offizielle Seite mit den meisten Tickets verfügbar, cleartrip.com hingegen ist die übersichtlichste), allerdings hilft einem das nichts, wenn keine Tickets mehr verfügbar sind. Tatsächlich kann man die Tickets dennoch kaufen, landet dann aber auf einer Wartliste und muss hoffen, dass genügend Leute ihre Reservierung annullieren. Ob es gereicht hat erfährt man an dem Tag der Abreise ca. eine Stunde vor Abfahrt. Keine sehr angenehme Art der Reiseplanung. Wir hätten uns meistens auf die Warteliste verlassen müssen. Das Problem ist, dass es – selbst auf Hauptverbindungsrouten – oft nur 5 oder 6 Züge pro Tag gibt. Gleichzeitig gibt es 1,3 Milliarden Inder, die den Zug nutzen, weil er unglaublich billig ist (für eine Strecke von 1000 km zahlt man ca. 10 – 20 Euro  ) und bei den Großen Entfernungen neben dem sehr viel teureren Flugzeug die bequemste Art zu Reisen darstellt. Somit sind die Tickets oft schnell ausgebucht. Das führt dazu, dass man seine Zugtickets möglichst früh buchen muss (der Verkauf beginnt 90 Tage vor dem Reisedatum). Das wiederrum widerspricht sich mit der Art des Reisens, wie wir und die meisten Backpacker es handhaben. Man plant immer nur den nächsten (und eventuell übernächsten Schritt) bleibt an schönen Orten länger als geplant und holt sich von anderen Reisenden Tipps, wo es sich lohnt hinzufahren.

Leider hat man zum Zug recht wenig Alternativen. Es gibt zwar Busse, die mittellange Distanzen (ca. 600 km) zurücklegen, allerdings waren unsere Erfahrungen eher schlecht. In Goa haben wir um von einem Strand zu einem anderen zu kommen viermal den Bus wechseln müssen und für eine Strecke von ca. 90 km 6 Stunden gebraucht. Von Jaipur nach Bundi sind wir mit einem öffentlichen Nachtbus 10 Stunden lang gefahren. Das hieß 10 Stunden lang in einem alten, klapprigen Bus ohne Gepaeckfach und ohne Beinfreiheit auf Dreiersitzen sitzen. Dazu kommt, dass die Inder weit weniger Berührungsängste haben als die Deutschen, so dass der Kopf meines Nachbarn immer wieder auf meiner Schulter landete und auch dort blieb, wenn ich mich bewegt oder mit der Schulter gezuckt habe um ihn loszuwerden. Um das Ganze zu krönen mussten wir mitten in der Nacht umsteigen um letztlich wieder im gleichen Bus zu sitzen wie vorher. Private Busse sollen etwas besser sein und es gibt auch welche mit Schlafkojen, allerdings gibt es auch hier Berichte von anderen Reisenden die, z.B. zwischen Goa und Hampi (10 Stunden Über-Nacht-Bus), mit einem solchen gefahren sind und dabei keine Sekunde geschlafen haben, einfach weil die Straße so schlecht ist und der Bus so gnadenlos schnell fährt, dass man immer wieder weit nach oben geschleudert wird. Leider sind die Kojen zu niedrig um zu sitzen, so dass man die ganze Zeit den Launen der Schlaglöcher ausgeliefert ist. Dass solche Über-Nacht-Fahrten nicht in einem gewonnenen Reisetag resultieren, kann sich wohl jeder vorstellen.

Nun steht man also vor verschiedenen Problemen: Erstens will man seine Reiseroute nicht zu früh festlegen und sich damit die Freiheit nehmen, die man zum Reisen in Indien braucht. Zweitens bekommt man, wenn man zu spät bucht oft keine Tickets mehr und drittens hat man nur auf wenigen Strecken eine ernst zu nehmende Alternative zum Zug. Aber es gibt verschiedene Lösungen, die sich in den sieben Wochen, die wir in Indien waren herauskristallisiert haben.

General Quota mit Upgrade: De Facto ist es eigentlich so, dass ein Zug in Indien nie ausgebucht ist. Nur die reservierten Sitze oder Betten können ausgebucht sein. Es gibt immer (immer) die Möglichkeit eine Stunde vor Abfahrt ein Ticket zu kaufen („General Quota“ oder „Ordinary“) und sich in die unterste Klasse im Zug zu quetschen. Dort muss man mit hoher Wahrscheinlichkeit stehen und hat keinen Platz für sein Gepäck, aber man kommt von A nach B. Wenn man ein solches Ticket hat, kann man noch im Zug versuchen ein Upgrade auf sein Ticket zu bekommen und doch noch einen festen Sitz- oder Schlafplatz zu kriegen. Der Preis wird etwas, Zug fahren und auf dem Boden schlafenaber nicht wesentlich, höher sein, als wenn man gleich die entsprechende Klasse gekauft hätte. Da wir von einem Reisenden gehört haben, dass das Upgrade eigentlich immer funktioniert, haben wir es auf verschiedenen kurzen Strecken probiert und sind auch immer ganz gut zurecht gekommen. Wenn man also Tagsüber fährt ist die „General Quota“ meist absolut in Ordnung und man verliert eigentlich auch keine Zeit, weil sich einem zum Teil fantastische Landschaften bieten und man eigentlich immer interessante Leute kennen lernt. Von Kollam nach Madurai haben wir dann – aus purer Verzweiflung – auch bei einer Über-Nacht-Strecke auf diese Weise zurück gelegt. Das Ergebnis: es war kein Upgrade möglich und wir saßen von zwei bis vier Uhr Nachts auf dem Boden zwischen den Toiletten (die natürlich ordentlich stanken), von vier bis sechs konnten wir versuchen im Sitzen zu schlafen und für die letzten vier Stunden hatten wir dann endlich eine Bank für uns, so dass wenigstens einer liegen konnte. Wer damit keine Schwierigkeiten hat, oder wer, wie die Inder, auf der Gepäckablage oder dem Boden schlafen kann (der Chai (Tee)-Verkäufer kann schon irgendwie über einen klettern) für den ist das Problem gelöst. Für alle anderen gibt es noch Hoffnung.

Reisebüros: Indien ist Indien und in Indien ist alles möglich. Scheinbar haben manche Reisebüros mehr Möglichkeiten, als Normalsterbliche. Ob es so ist, weil sie Tickets auf Verdacht reservieren, oder weil sie der richtigen Person ein Bakshish geben weiß ich nicht und mir ist es auch eigentlich egal, solange ich an mein Ticket komme. Allerdings sollte man selber die Preise gecheckt haben, bevor man im Reisebüro nachfragt, damit man nicht übers Ohr gehauen wird. In Varanassi waren wir im Shanti-Guesthouse und das Reisebüro dort hat für faire 65-100 Rupis Kommission Tickets gekauft, die wir anders nicht mehr bekommen haben.

Ausgefuellter Reservierungsbogen zum Zug fahren in Indien

Das Reservierungsformular in Indien. Wie kann man Zugnummer und Zugname wissen, wenn man nicht weiss, welcher Zug noch verfügbar ist?

Zugstationen: Auch wenn der Service zum Teil extrem schlecht ist und das Ausfüllen des Reservierungsformblattes ein eigenes Studium erfordert, kann es sich manchmal lohnen den Weg zum Hauptbahnhof einer Stadt zurück zu legen. Zum einen kann man hier, und nur hier, Tickets der sogenannten „Foreign-Tourist-Quota“ bekommen, die manchmal selbst dann noch verfügbar ist, wenn der Zug eigentlich ausgebucht ist. Zum anderen scheinen die Verkaufsschalter an den Bahnhöfen Touristen zu bevorzugen, wenn es um die Warteliste geht. Den letzte Zug, den wir in Indien genommen haben konnten wir auf diese Art buchen. Nachdem wir das Ticket (mit Wartelistenplatz) gekauft haben mussten wir zum Chief-Office gehen und ein weiteres Formblatt ausfüllen. Damit hatten wir einen Platz sicher reserviert und mussten uns nur am Tag der Reise die Platznummern geben lassen.

Emergency (Tatkal): In Indien werden für jeden Zug eine gewisse Anzahl an Tickets für Kurzentschlossene zur Seite gelegt. Diese werden zwei Tage vor dem Reisedatum ab 8:00 Uhr morgens verkauft. Man kann sie entweder am Bahnhof, im Internet oder im Reisebüro bekommen. Wenn man nicht unbedingt eine Sicherheit braucht an einem speziellen Datum zu fahren (um z.B. einen Flug zu kriegen), dann ist das Emergency-Ticket eine gute Alternative. Die Tatkal-Tickets sind etwas teurer und man kann sie nicht mehr stornieren. Ein Bahnbeamter hat uns das einmal laut und deutlich ins Gesicht geschrien: „NO CANCELLATION!!!“

Multibuying: Eine Variante, die wir allerdings nie ausprobiert haben, ist das kaufen verschiedener Zugtickets am gleichen Tag. Damit steht man bei verschiedenen Zügen auf der Warteliste und die Wahrscheinlichkeit, dass man mitfahren darf erhöht sich etwas (wenn der Wartelistenplatz überall 100 ist, kann man die Variante allerdings auch vergessen). Das gute ist, dass man ein Zugticket in Indien jederzeit annullieren kann und dafür nur 60 Rupies bezahlt, wenn man auf der Warteliste stand sogar nur 20 Rupies.

Trotz aller Widrigkeiten schafft man es in Indien Man lernt beim Zug fahren viele interessante Inder kennen!mit dem Zug meistens (wenn man keinen Zeitdruck immer) von A nach B. Dabei kommt man leicht mit den Einheimischen in Kontakt und trifft auf Menschen, die in einem mehr sehen als einen reichen „Whiteman“, dem man mit allen Mitteln das Geld aus der Tasche ziehen muss. Ich habe die Fahrten (mit reservierten Betten) meistens genossen und viele nette und Interessante Leute kennen gelernt. Besonders die Strecken von Mumbai nach Goa – hier habe ich drei Krokodile im nur 200m neben den Schienen liegenden Wasser gesehen – und von Goa nach Hampi am Dudhsagar Wasserfall vorbei sind wunderschön und man sollte sie unbedingt Tagsüber machen.




Eindrücke aus Indien

Fresh news aus Indien. Wir sind gut angekommen und unser erster Tag hier ist geladen mit Eindrücken.

Viel haben wir unterwegs von anderen Reisenden gehört, aber egal, wie gut du dich auf Indien einstellst, die Realität trifft dich wie ein Schlag. Nach nur drei Schritten auf Indiens Straße wusste ich: hier bin ich einem Land, das so anders ist als alles andere auf der Welt, dass man es körperlich spüren kann. Als wäre die Luft hier fremd, angefüllt mit Indienessenz. Der Duft von Räucherstäbchen und Urin; jungen Frauen, Prinzessinengleich, in eleganten Saris, die aus Wohnungen voll Dreck und Gestank kommen; unglaublich leckeres Essen, aber Hygiene? Selbst die Touristen hier sind anders. Angezogen wie Hippies, muss es einem so vor kommen als würde die Indienessenz etwas von den Einheimischen auf uns Reisende übertragen.

Aber die Lektion, die wir heute lernen mussten ist: traue keinem Inder, der dich anspricht um dir einen guten Rat zu geben. Wir wollten die Preise der Zugtickets wissen, um sie mit welchen aus einer Agentur zu vergleichen. Unwissend, was uns erwartet sind wir zum Bahnhof gegangen, wo uns ein Mitarbeiter der Bahn nach unseren Tickets gefragt hat. “Wir haben keine, wollen welche kaufen”. “Nicht hier, hier darf man nur mit Tickets rein. Zugtickets gibt es beim offiziellen Tourismus Buero der Regierung. Nehmt eine Rikscha!” Kurz verhandelt er den Preis mit dem Fahrer (er will ja nicht, dass wir reingelegt werden) und Bums saßen wir in einer Rikscha die uns zur “offiziellen” Ticketstation gebracht hat. Die Preise dort waren extraordinär hoch. Auf dem Weg zum Bahnhof haben wir im Reiseführer genau den Trick gelesen, auf den wir gerade reingefallen sind. Es war alles super inszeniert und sehr Glaubhaft gespielt. Bollywood hat hier ein paar echte Talente verloren. Beim zweiten versuch kam ein anderer “offizieller” und machte uns mit Mund und Händen darauf aufmerksam, dass man ohne Ticket nicht in den Bahnhof darf. Als ich sagte, dass niemand außer uns nach Tickets gefragt wird, lies er uns kurz los und wir versuchten in den ersten Stock zu flüchten, in dem wir das Touristen Büro vermuteten. Er war so freundlich uns zu folgen und uns zu erklären, dass wir nicht auf Tricks reinfallen dürfen und wo die richtige Verkaufsstelle ist. Aber als wir ihm dankend, sagten, dass wir doch selber das Ticketoffice suchen wollten wurde er wütend, fast handgreiflich. Letztlich haben wir das offizielle Büro gefunden, aber es war seit 15 Minuten geschlossen. Vielleicht gehört auch das zur Indienessenz.

Indien scheint ein schwieriges Land zu werden, aber absolut interessant und voller Entdeckungen.